Rohkost aus dem Hause Djax

Miss Djax Mag man Techno hart und pumpend, dann stehen die Chancen nicht schlecht vom Label Djax Records und dessen Gründer sowie holländischen Technopionier Miss Djax (alias Saskia Slegers) gehört zu haben.

Musikalisch gesehen verhalf sie dem kleinen holländischen Eindhoven zu seinem Platz auf der Landkarte. Allerdings war es die Deutsche Hauptstadt Berlin die der guten Saskia zum Durchbruch verhalf. Sie war einer der Ersten die ihren eigenen Float auf der Love Parade organisierten. Zudem spielte Miss Djax zwei Mal vor dem Millionenpublikum an der Siegessäule und natürlich auf allen größeren Techno-Events wie z.B. der Berliner Mayday, I Love Techno, Nature One und Innercity.

Im letzten Jahr nahm Miss Djax eine Auszeit vom sonst relativ hektischen DJ-Leben und widmete sich der Produktion ihrer ersten LP „RAW“, einem Album diverser Old School Technostücke das mit Hilfe von Buddelkastenfreund DJ Rush entstand und im Oktober 2005 veröffentlicht wurde. Im Dezember 2005 wird DJ Rushs neue EP „Pussy Pop’n“ erscheinen, zu der sie einen Remix beisteuert. Für Djax Records wird diese Platte die erste Veröffentlichung im Jahre 2005.

Am Vorabend Ihres Gigs im Berliner Polar.TV setzte ich mich mit Saskia zusammen um mit Ihr über Ihr Album, ihre Rollen als Produzent, DJ und Labelchefin zu sprechen und ihren Gedanken über die aktuell gegenwärtige Szene, ihre Liebesäffare mit Berlin und die Love Parade zu lauschen.

FW: Hallo Saskia. Zunächst ein dickes Danke, dass Du Dir so kurz vor einem Gig die Zeit für ein Interview nimmst. Seit 1989 ziehst Du Deine Bahnen im Musikgeschäft. Das ist eine ziemlich lange Zeit, doch erst jetzt, im Oktober, hast Du Dein erstes Album veröffentlicht. Gibt es ein Grund für dieses lange Warten?

Die Antwort ist recht einfach: ich habe einfach keine Zeit gehabt (lächelt). Ich hatte ziemlich viel mit meiner DJ-Karriere, als auch als Chefin eines erfolgreichen Plattenlabels zu tun. Es gab zeitlich gesehen keine Möglichkeit sich zusätzlich auf das Produzieren konzentrieren zu können.

Die Stücke die ich zuvor veröffentlichte, enstanden allesamt in nächtlichen Studiosessions. Wenn mich z.B. nach einem Gig die Inspiration packte, dann startete ich meine Hardware, schloß Geräte wie meinen 303 oder 909 an und legte los. Dann tat ich einfach das, worauf ich Lust hatte. Das ist der Hintergrund meiner Singles.

Jetzt jedoch habe ich ein komplettes Album veröffentlicht. Ich arbeite mit einem Produzenten aus Amsterdam zusammen, der diesen ganzen Studio-Krimskrams besitzt (grinst), also Computer, Sequenzer und all dieses Zeug. Dafür habe ich meine Zeitpläne über den Haufen geworfen, habe z.B. meine DJ-Gigs in Anzahl und Dauer runtergefahren und auch die hektische Labelarbeit einen Gang zurück geschalten. Damit meine ich z.B. die Arbeit mit Hip-Hop Bands, was ich jetzt nicht mehr mache.

„Raw“ hat den gleichen Stil wie meine vorherigen Veröffentlichungen auf Djax Up Beats. Jedoch habe ich dieses durch ein anderes Label unter Vertrag nehmen lassen, da ich diesen veröffentlichungs-bedingten Stress nicht haben mochte. Und zuletzt wollte ich meine eigenen künstlerischen Aktivitäten nicht durch mein eigenes Plattenlabel vermarkten lassen.

Miss Djax

FW: Wann hast Du mit der Arbeit an diesem Album begonnen?

Im letzten Jahr. Es dauerte ca. 6 Monate um es fertigzustellen.

FW: Normalerweise unterscheidet sich der Charakter von Alben von den üblicherweise veröffentlichen Singles (insofern es keine Auskopplung ist). Wie würdest Du diesen Charakter Deines Albums beschreiben?

Es weist eine Spielart sehr frühen Technos auf, wie man ihn von den frühen 90ern her kennt. Ich habe nicht versucht etwas Anderes, etwas Neues, zu erfinden. Auch wollte ich nicht innovativ sein. Einzig das was aus meinem Herzen kommt, wollte ich musikalisch umgesetzt und auf Vinyl gepresst sehen. Mich interessiert nicht was hip und trendy ist. Ich lasse mich auch nicht marktbedingt unter Druck setzen etwas wie Minimal oder Trance zu produzieren, nur um im Gespräch zu bleiben. So oder so mag ich es nicht, wenn Musik kategorisiert wird.

FW: An diesem Album hast Du zusammen mit DJ Rush gearbeitet, der auch Gesang mit beisteuerte. Offensichtlich seid Ihr Freunde. Wie war das Arbeiten mit ihm?

Ja, wir kennen uns seit Ewigkeiten. 1992 verschlug es mich nach Detroit und Chicago. Rush traf ich ich dort zwar nicht, jedoch Leute wie Armando oder Felix da Housecat, die später auch Etwas auf Djax Up Beats veröffentlichten. Die Kiste kam ins rollen und irgendwann traf ich Rush. Seit über 10 Jahren arbeite ich mit ihm zusammen, zusammen ins Studio jedoch hat es uns noch nicht gebracht, so auch beim Arbeiten an „Raw“. Rush hatte die Vocals vorab aufgezeichnet und ich flocht sie dann während des Produzierens ein.

FW: Auf Deiner Website kann man viele Abschriften von Deinen Interviews nachlesen. In so ziemlich jedem Interview seit dem Jahr 2000 bist Du nach neuen Technologien wie Final Scratch gefragt worden. Ich hoffe Du verstehst wenn ich diese Frage vor dem Hintergrund, dass sich vielleicht etwas an Deiner Herangehensweise geändert haben könnte, wiederhole.

Klar, verstehe ich. Bis jetzt hat sich aber noch nicht daran geändert. Vielleicht tut es das einmal, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich nicht wirklich etwas verpasse. Ich liebe Vinyl und ich liebe es mit dem klassischen Setup von zwei Turntables und einem Mixer aufzulegen. Klar, in der Vergangenheit wurde dieses klassische Arrangement schon um Neuheiten ergänzt, wie z.B. neue Mixer mit neuen Funktionen. Wenn, dann mag ich diese neuen Effekte wie spezielle Cuts und Punches, Delays oder Echos.

Um vorrangig mein Album zu präsentieren, habe ich meine Auftritte um das Thema Live Act erweitert. Dabei setze ich auf Ableton. Ergo setze ich mich schon irgendwo mit neueren, softwarebasierten Technologien auseinander (lächelt). Ich mag es mit ein paar Controllern, einem Laptop und Effektgerät auf der Bühne zu stehen und meine Musik zu spielen. Aber, irgendwie ist es schon ein wenig gewöhnungsbedürftig statt der lieb gewonnen Hardware nur auf Software zu setzen. Die ganze Zeit bin ich am bangen, dass mir der Rechner nicht abschmiert und ich dadurch nicht zum Technikopfer degradiert werde.

Miss Djax

FW: Die neuen, laptop-basierten Mixtechnologien geschehen oftmals auf distanziertere Art und Weise. Die DJs stehen oftmals mehr oder weniger teilnahmslos und ausschließlich den Monitor observierend und nach MP3s suchend vor den Reglern, während die Interaktion durch sich drehendes Vinyl, sichtbaren Sound verloren geht.

Absolut richtig. Diese ganze Live-Geschichte war schon immer etwas Anderes für mich. Wenn man dort oben steht, die eine Hand an der Mouse, die andere an einem Keyboard oder so, dann heisst das sicherlich Konzentration, allerdings oftmals auch Anteilnahmslosigkeit trotz physischer Anwesenheit. Deshalb treten mit mir zusammen auch immer zwei VJs auf, so das auch optische Reize durch meinen Auftritt bedient werden.

FW: Die neue Mix- und Musiktechnologien versetzen viele Leute in die Lage selbst DJ zu sein/zu spielen. Wenn man die Anfangszeit des Techno betrachtest und mit der aktuellen Situation vergleicht, dann kann man schon von einer Flut an DJs sprechen. Das hat natürlich Einfluß auf Konkurrenz die untereinander und die Qualität des Dargebotenen. Was denkst Du über diese Entwicklung?

Man es kann den Leuten nicht zum Vorwurf machen DJ sein zu wollen. Heutzutage sind DJs die neuen Stars. Die gleichen Entwicklungen die sich auch im TV abzeichnen, wie z.B. Massen-Castings um neue „Superstars“ ausfindig zu machen, finden in gewisser Weise auch in der Techno-Szene statt. Es ist härter wirklich Fuß zu fassen und viele Menschen sind genötigt eine eigene Produktion heraus zu bringen, um überhaupt erst Aufmerksamkeit erregen zu können.

FW: Zwischen Dir und Berlin gibt es meiner Meinung nach eine stärkere Bindung. Hier hattest Du Deinen Durchbruch, auf der zweiten MayDay um genau zu sein. Wichtig war auch die Love Parade für Dich, der Du Dein Engagement gewidmet hast, sogar bereits, als die Love Parade noch dem alten Verlauf auf dem Ku’Damm folgte. Um die letzten beiden Paraden stand es schlecht, sie wurden abgesagt, und auch der 2006er Love Parade scheint dieses Schicksal zu blühen. Wie schätzt Du als aktiver Teilnehmer die Zukunft der Love Parade ein?

Es ist sehr traurig mit anzusehen, wie solch spezielle Sachen den Bach hinunter gehen. Von 1995 bis 98 hatte ich meinen eigenen Truck, 1998 war er sogar der Nummer 1 Float. Ich stand zwei Mal auf der Siegessäule und habe vor tausenden von Menschen meine Musik gespielt. Von daher ist die Love Parade schon eine Herzensangelegenheit für mich. Alle Paraden nach 1998 jedoch waren zu kommerziell angelegt. Ich habe sämtliche Beteiligungen aus meiner eigenen Tasche finanziert und niemals auf Sponsoren zurückgegriffen. Mein Beitrag zur Love Parade war eine Danksagung an meine Fans. Die weitere Teilnahme an der Parade wäre mich ohne Sponsoren einfach zu teuer zu stehen gekommen. Sponsoring selbst wäre allerdings ein No Go für mich. Außerdem hätte ich schon Zweifel gehabt mein Geld für 15jährige Kiddies auszugeben, die nicht mal ansatzweise wissen was Techno bedeutet. Ich fühle mich dieser Kommerzialisierung nicht zugehörig. Ich hoffe das Motte es fertig bringt die Parade wieder in altem Stil über die Bühne gehen zu lassen. Mal schauen wo das alles hinführt.

Kürzlich habe ich mit Dr. Motte gesprochen und wir diskutierten den Start von etwas sehr Kleinem um die Bewegung wieder in den Underground zurück zu führen. Aufzuhören wenn es am besten schmeckt, das wäre hart gewesen, allerdings die resoluteste Entscheidung, denn jeder hätte die Parade als etwas Besonderes in Erinnerung gehabt. Aber wie immer und überall machen gewisse Leute einfach weiter und legen damit den einstigen Charakter, die Seele trocken. Sicherlich gibt es eine Menge Menschen die sich daran noch erfreuen können, mit den goldenen Tagen des Techno hat es allerdings nichts mehr zu tun.

Miss Djax
© www.djax.nl/missdjax

FW: Du bist auf großen Events und Festivals, als auch in kleinen Clubs aufgetreten. Was von beiden liegt Dir mehr?

(lacht)

Ihr Reporter fragt mich das immer. Ich mag beides. Ich mag die Energie von großen Events, die Hände in der Luft zu beobachten und die tanzende Menge zum ausrasten zu bringen. Wenn große Events, dann eher Indoor, da diese näher an Technoparties alter Schule, also meinen Wurzeln sind. Dunkel und düster, so mag ich es. Wenn der VJ alle Nase lang die Hütte lichtflutet, dann hat das für meine Begriffe nicht so viel mit Techno zu tun. Ich mag es auch ein wenig verrucht und dreckig. Bei Gigs in Clubs lastet wesentlich weniger Druck auf einem und man muß auch nicht das gesamte Repertoire auf nur 1-1,5 Stunden komprimieren.

FW: Es gibt eine Menge DJs, deren Auftritte wie folgt ablaufen: Landung, Taxi zum Hotel, bisschen Schlaf nachholen, ab zum Club, auflegen, zurück zum Hotel um dann am nächsten Tag wieder nach Hause oder zum nächsten Gig zu fliegen. Kannst Du Dich mit dieser Schilderung anfreunden? Identifizierst Du Dich damit sogar? Und falls ja, würdest Du es bedauern nicht genug Zeit für z.B. eine Stadtrundfahrt zu haben?

Ein derart hektisches DJ-Leben war der Inhalt meiner letzten 10 Jahre. Jedes Wochenende ging es am Freitag los und erst am Sonntag wieder zurück nach Eindhoven, wobei der Montag bereits wieder im Zeichen der Labelarbeit stand. Wenn ich unterwegs war, so hab ich zumindest versucht ein wenig Shoppen zu gehen oder mir den Ort an dem ich gerade weile anzuschauen. Meist war jedoch war die Tour vom Flughafen oder Hotel zum Club so eine Art Mini-Stadtrundfahrt. Letzten Endes bleibt nicht viel Zeit dafür übrig.

Dann kommt halt auch die zeitliche Verschiebung dazu, womit ich nicht das Jetlag meine, sondern das man des Nächtens arbeitet und den Tag über schläft. Wenn Du aufwachst hat alles geschlossen, ergo kann man alles gar nicht so urlaubsmäßig angehen wie man eigentlich wollte. Ein paar Leute rieten mir mein Label zu verkaufen und mich nur noch auf das Auflegen zu konzentrieren um somit vom reisen mehr mitzubekommen. Aber das ist nicht das was ich will.

FW: Heutzutage scheint auch das Durchdrücken von Newcomern eine beliebte Art des im Gespräch bleibens zu sein. Was hälst Du davon, bzw. gibt es einen Newcomer der Dir gefällt?

Ich folge keinen Trends und will auch keine Protegés vermarkten. Klar, gute Leute im Nachwuchs gibt es immer, aber speziell in meinem Bereich spielt der Nachwuchs wesentlich härter als ich. De facto ist es Gabba. Daher habe ich nicht wirklich einen Newcomer dessen Stil mir gefällt. Ich bin irgendwo bei den Leuten hängen geblieben die ich mag, Leute wie Jeffs Mills oder DJ Rush (lacht).

FW: Welcher ist Dein Lieblingsclub und was macht ihn so speziell?

Jetzt ist er geschlossen, aber das Orbit in Leeds war meine zweite Heimat. Er wurde zwar um 19:00 Uhr schon geöffnet und bereits gegen 1:00 wieder geschlossen, um kurz nach 8 war es dann aber auch schon proppenvoll. Ich hatte eine supergeile Zeit dort, im Moment jedoch habe ich keinen Lieblingsclub.

FW: Gibt es eine besondere Lektion die Du im Musikgeschäft lernen musstest?

Das Schlimmste was einem passieren kann: einen Betriebswirt über Dir arbeiten zu haben, welcher darüber entscheidet wer unter Vertrag genommen wird und wer nicht. Ende der 80er und in den frühen 90ern gab es so viel gute Musik die bildlich gesprochen auf der Straße lag und nur aufgesammelt werden musste. Diese Musiker hatten oftmals keine Ahnung von der Szene, bzw. vom den dortigen Vermarktungsgebaren. Ich nahm mich dieser Künstler an, startete Djax und betreute alles von A bis Z, von Verträgen bis hin zu den finalen Veröffentlichungen. Das ist gar nicht so schwer wie es im ersten Moment klingen mag. Die Anzugträger hingegen sehen in vielen Dingen nur ein Produkt. Die arbeiten ein Konzept aus, nehmen irgendeinen Typen von der Straße der einigermaßen vorzeigbar ist, aber nicht singen kann und stellen ihn auf die Bühne. Eine andere wichtige Lektion ist, dass es für Frauen um einiges härter ist, da man ständig mehr unter die Lupe genommen wird als die männlichen Kollegen.

FW: Zum Abschluß möchte ich Dich fragen, was der Hintergrund all dieser Comics und Illustrationen auf den Plattencovern ist. Stammen die aus Deiner Feder?

Nein, das ist die Arbeit von Alan Oldham aus Detroit. Auf ihn traf ich 1991 als er auf Djax eine Platte heraus bringen wollte. Ich mag seine Art zu zeichnen und fragte ihn ob der das nicht auch für mich tun mag. Sein viertes Comic ist auch Bestandteil des „Raw“ Albums und kommt sowohl mit der CD- als auch Vinylversion. Über die Jahren wurden seine Illustrationen ein elementarer Bestandteil des Djax Erscheinungsbildes. Ich mag es nicht wenn jede Veröffentlichung aussieht wie die andere. Seine Arbeit verleiht unseren Veröffentlichungen mehr Individualität.

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