Tausende Seevögel und dramatische Klippen – Unterwegs in den Westfjorden

Die Westfjorde sind die mit Abstand entlegensten Gebiete der Insel. Hier sagen sich nicht Fuchs und Hase, sondern vielmehr Lundi, Trottellumme & Co gute Nacht. Schier endlose Brutgebiete der unterschiedlichsten Seevögel und sich ständig wechselnde Lichtstimmungen lassen einen nicht ohne anzuhalten von A nach B fahren. Man muss einfach alle 500 Meter stoppen und denselben Fjord aus einer anderen Perspektive neu bestaunen.

Mit der Kraft der zwei Herzen und dem Tiger im Tank ging es vom Bakkaflöt-Tal auf der Ringstraße 1 gen Westen, um über die Route 61 bei Staður den Einstieg in die Westfjorde anzugehen. Landschaftlich ist irgendwie so ziemlich alles auf Island ein absoluter Hingucker und es ist verdammt schwer einen Lieblingsort zu nennen, die Westfjorde aber sind ihrer Schönheit wegen sehr geschätzt, da hier der Part Abgeschiedenheit, gewürzt mit diesem typisch nordisch-rauem Charakter zum Zuge kommt. Im Unterschied zu den relativ breiten schneebedeckten Fjorden des Nordostens, die schon ein wenig an die bräunlich-weißen Polarregionen erinnern, sind die Buchten und Berge des Westens irgendwie eine Art Norwegen en miniature; eine grüne Oase, dessen kristallklares blaues Wasser schon fast an die Karibik erinnert. Kein Wunder das sich hier die Vogelwelt die Klinke in die Hand gibt und in Sachen Quantität alle Rekorde bricht.

Zwischen Guðlaugsvik und dem Fjardharhorn-Hof ist der Verlauf der Road #61 am spannendsten. Mal fährt man direkt über den Berg durch die dicken Haufenwolken und spürt sofort eine deutliche Abkühlung, mal geht es entlang der Küste, nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Dann kann man die im Kelp sonnenden Eiderenten sogar vom Beifahrersitz aus beobachten. Dominiert wird die hügelige Landschaft durch viele einzeln abgesperrte Weideflächen. Auch wenn keiner zu sehen ist, Zäune sollte man respektieren. Herr dieser Weideflächen sind Schafe; für uns Mitteleuropäer mögen es unzählige sein. Sind sie auch, dennoch sind auch diese Zahlen rückläufig. Einst kamen auf jeden Isländer 20 Schafe, heute sind es nur noch 5, vielleicht sogar nur noch 4.

Im Laufe des Frühlings geben die Jungs und Mädels von Vegagerdin, dem isländischen Straßenverkehrsamt, so nach und nach die höher gelegenen Nord-Süd-Verbindungen frei. Man kann z.B. erst einmal ruhig in Richtung Norden nach Hólmavík gondeln, dort noch einmal tanken und dann über die Route 608 den spektakulären Abstieg in den langgezogenen Þorskaförður in Angriff nehmen.

Der Bergkamm den die 608 bezwingt ist nicht so ganz ohne. Links und rechts liegt noch ordentlich Eis, während einem ein heftiger Wind genauso um die Ohren pfeift, wie die Schottersteinchen, die der Allradantrieb nach oben katapultiert. Da macht man sich schon Gedanken, ob der Autovermieter einem nicht eine Komplettlackierung in Rechnung stellen wird… Tiefe Schlaglöcher in denen sich eine halbe Kuh verstecken könnte, instabiler Rollsplitt und halbgefrorener Matsch stellen schon ein wenig Anforderungen an das fahrerische Können. Besonders wenn’s eng wird und einheimischer Gegenverkehr auftaucht, der mit gut 60 Sachen an einem vorbei ballert, während man selbst nur mit 20-30km/h unterwegs ist.

Die Straßen in den Westfjorden führen durch Orte, deren Einwohnerzahl manchmal kaum die 20 überschreitet. Begegnet einem mal wieder ein interessantes Motiv, entwickelt sich solch ein Fotostop durch ein freundliches Winken und Lächeln schnell zu einer menschlichen Begegnung zwischen Feuerinsel und Zentraleuropa.

Ich wollte die Nacht am Kap Bjargtangar verbringen, der Spitze Látrabjargs und damit Europas westlichster Zipfel. Naja, zumindest westlichster Zipfel des politischen Europas. Denn genau genommen, also geografisch gesehen, befindet sich dieser Küstenabschnitt mit ca. 200 Kilometern Abstand zum Mittelatlantischen Rücken bereits auf der amerikanischen Kontinentalplatte. Manchmal begegnet man beim Fahren für Stunden keiner Menschenseele und so klein Island auch sein mag, es grenzt schon an ein kleines Wunder auf dem Weg zu diesem entlegenen Punkt Henry samt Freundin Solveig auf der Straße wieder zu treffen. Spontan schlossen wir uns zusammen um den grandiosen Mix aus Eis- und Haufenwolken vor azurblauem Himmel fotografisch auszukosten und gemeinsam den Látrabjarg zu erkunden.

Gegen sechs Uhr abends setzte dann wieder dieses geniale Streiflicht der untergehenden Sonne ein; ein Licht, das uns gute 5 Stunden auf Trab hielt eh wir überhaupt ankamen. Denn kaum war der eine Fjord bestaunt, kam hinter der nächsten Kurve schon wieder eine völlig andere geniale Landschaft zum Vorschein. Die Route 60 ist zwischen Látrabjarg und Reykhólar eine der mit Abstand am schönsten zu fahrenden Straßen die mir je unterkam. Die zwischendurch 16%ige Steigung einer Serpentine lässt einem zusätzlich zur Landschaft auch fahrerisch den Kiefer runterklappen. Die Küstenlinie der zerklüfteten Westfjorde macht übrigens gut 30% der gesamten Küstenlinie Islands aus.

Die dem Süden zugewandte Küste Látrabjargs wird durch eine 14 Kilometer lange Front hoher Klippen dominiert, deren Höhe im 441 Meter hohen Heidnakinn-Kliff kulminiert. Nahezu jede Spalte, jeder Vorsprung, alles was Halt geben kann, ist von Myriaden von Seevögeln in Beschlag genommen. Darunter viele Tordalken, natürlich Möwen und Unsummen von Trottellummen, einem flugfähigen Artverwandten der Pinguine. Das Highlight sind jedoch die Lundis, wie die Papageitaucher von den Einheimischen genannt werden. Am Leuchtfeuer Látrabjargs angekommen, erfüllte sich für mich mein Traum von Island, als ich ein kleines neugieriges schwarz-weißes Köpfchen aus dem Gras hab gucken sehen. Der leuchtend farbige Schnabel, Knopfaugen mit Hundeblick und kleine rote Watschelbeinchen – man möchte sich am liebsten einen einpacken und mit nach Hause nehmen.

Mein Blick über den Klippenrand wurde von hunderten dieser kleinen neugierigen Kerle reflektiert. Obendrein, und ganz anders als bei den Singschwänen und Graugänsen, lassen einen die Papageitaucher gewähren. Reißaus ist erst angesagt wenn eine Situation allzu suspekt erscheint oder man sich allzu stark nähert. Knüpft man ein Band der Sympathie und redet ein wenig mit den kleinen Kerlen, dann kann man sie fast streicheln.

Beeindruckend sind auch die Felsen der Dreizehenmöwen. Ganz anders als die ruppig aussehenden Eissturmvögel, und die noch viel unsympathischeren Skuas, haben die Dreizehenmöwen ein wunderschönes Federkleid, das in der Sonne silbrig glänzt. Ihre Nester scheinen förmlich am Felsen zu kleben. Sind die Küken geschlüpft, ist der Altvogel automatisch die dringend benötige Barriere zwischen nackter Felswand, Küken und gähnendem Abgrund.

Die äußerst steilen Klippen sind im wahrsten Sinne des Wortes beschissen. Die ganze Steilküste riecht irgendwie ein bisschen wie ein lange nicht gereinigter Hamsterkäfig. Für gewöhnlich nimmt sich aber der Wind schnell dieses „Problems“ an. Der Abbruchkante sollte man nicht zu nahe kommen. Einige Steine und Felsen sind bedrohlich locker und können einen beim Sturz mit in die Tiefe nehmen. Da müssen es nicht mal die 400 Meter Sturzraum der Heidnakinn-Klippe sein, da reichen schon die anfänglichen 60 Meter, um sich vom lebendigen Individuum in Skua-Futter zu verwandeln. Am besten man legt sich auf den Bauch um sich das gefiederte Treiben von oben anzusehen. Ein weiterer Vorteil dieser Körperhaltung: man steht den Möwen nicht in der Einflugschneise rum. Die sind zwar gute Flieger, aber innerhalb eines Schwarms von 100 Tieren gibt es manchmal halt keinen Raum zum Ausweichen…

Schnell wird man auch des Fotografen bester Freund kennen lernen; der Austernfischer. Schleicht man sich wieder einmal an ein paar scheue Eiderenten oder aufmerksame Graugänse heran, dann bringt spätestens der große Schwarzhaarige mit den roten Schuhen und langem Schnabel alles ins Wanken. Ein kurzes lautes „Piep!“ und Enten als auch Gänse machen sich auf und davon. Wahrscheinlich weiß nur der Herrgott, warum einer dieser kleinen Kerle immer in deiner Nähe und dann ausgerechnet soooo oft direkt am Straßenrand brütet…

Apropos direkt am Straßenrand. Nicht immer bleiben die Schafe in ihren Gattern. Die isländische Polizei warnt nicht ohne Grund vor plötzlich sich auf der Fahrbahn befindenden Tieren. Und das reicht von Schafen, über Pferde bis zu Kühen und ganzen Schwärmen sich die Füße aufwärmender Möwen.

Beim Bereisen der Westfjorde wird man über kurz oder lang mit einem mehr oder weniger lustigem Problem konfrontiert werden: die Suche nach einer Toilette. Nun ja, es gibt schon einige Rast- und bewirtschaftete Zeltplätze, allerdings auch nur wenige. Abgelegene Orte wie das Kap Bjargtangar haben nicht mal ansatzweise etwas wie ein Örtchen. Wenn man ein dringendes Geschäft erledigen muss, dann entwickelt sich die meist zu einem recht naturnahen Erlebnis. Als ich nach einer Toilette rumfragte, antwortete ein Bauer nur frei heraus: „Toilette??? Junge… Irgendwo hier wird’s schon eine geben… Aber was meinst Du denn? Meinst Du all das hier im Gras stammt ausschließlich von Schafen?“ :-)

Am äußersten Ende Europas ist man mit sich und der Welt allein und kann eine atemberaubend authentische Kombination von Natur, Landschaft und Wetter genießen. Die Westfjorde sind berühmt für ihr Wetter… Das kann man so, aber auch so verstehen, denn wenn sich die Sonne zeigt, ist dies einer der schönsten Orte auf diesem Planeten. Kommt Wind und Regen auf, manchmal kann das binnen einer Stunde geschehen, dann sind 4°C als auch kalter Regen und Windstärke 10 alles andere als einladend.

1947 zum Beispiel lief der britische Trawler Dhoon wegen eines Wetterumschwungs vor Látrabjarg auf Grund. Die Einwohner von Hvallátur begannen sofort mit einer Rettungsaktion, seilten sich an den Klippen ab und retten 12 Seemännern das Leben. Im Jahr danach wollte ein Filmteam diese Begebenheit dokumentarisch nachstellen. Während das Set aufgebaut wurde, setzte sich ein weiterer britischer Trawler in die Küstenfelsen. Diesmal bei Patreksfjörður. Des einen Pech, der Anderen Glück. Die Rettungsaktion konnte live gefilmt werden und wurde später unter Rescue Deed at Látrabjarg veröffentlicht.

Ein Besuch der Westfjorde ist vor allem eins: eine bleibende Lebenserfahrung in Sachen gefiederter Artenvielfalt und ein ganz bestimmtes maritimes Gefühl von Freiheit.

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