Auf die Pauke gehauen – Dangerous Drums wird 10

Es war einer dieser Tage, der Guns N‘ Roses wohl die Inspiration für „November Rain“ beschert haben muss. Ergo: ideale klimatische Bedingungen, um sich des nächtens von einem Kamin prasselnder elektronischer Rhythmen durchwärmen zu lassen.

Seit über zehn Jahren sind die Truppenteile um Corin Arnold, besser bekannt als ed2000, bereits unter dem Namen Dangerous Drums im Berliner Nacht- und Musikleben aktiv. Über die Jahre wurde viel Energie investiert und aus dem Partykonzept entstand eine Berliner Institution par excellence nebst gleichnamigem florierendem Plattenlabel und Booking Agentur.

Dangerous Drums ist aber viel mehr als das, es ist eine Lebensart, wie sie für Berlin nicht typischer sein könnte. Eine Lebensart, die aus starkem persönlichem Engagement schadlos die Minimalmanie und andere generische, die Vielfalt zerstörende Hypes überdauerte. Eine Lebensart, die in Manier eines Freigeistes immer Weitblick bewies und immer mit einer großen Portion Spaß an der Freund daher kam ohne je unprofessionell aufgetreten zu sein. Immerhin haben die Dangerous Drums hochkarätige Künstler wie z.B. Rennie Pilgrem, Hyper, B.L.I.M. oder Meat Katie nach Berlin geholt und immer auf ihr Publikum gehört, bzw. es erreicht. Kurzum: Ein ganz klares Beispiel für den Sieg der Klasse über die Masse, was im Berliner Clubbing-Sumpf alles andere als selbstverständlich ist.

Im Laufe der Jahre wurde die Maria buchstäblich zum Zuhause der Dangerous Drums Parties. Egal ob damals am Ostbahnhof oder heute am Ufer und in den Räumen des ehemaligen Deli, stets war dieses Urgestein der Berliner Clubszene der Anlaufpunkt, wenn es galt Rhythmen abseits der ausgetretenen 4/4er Pfade zu feiern. Immerhin waren das bis dato 40 Dangerous Drums Nächte. Als Schnittstelle zwischen den manchmal so ähnlichen Welten, aber leider oft super konträren Ansichten der elektronischen Beats und Black Music, stand der Abend des zehnten Jubiläums erneut ganz im Zeichen eines multistilistischen Miteinanders. Das alles schreit förmlich danach mit einer dicken Geburtstagssause gefeiert zu werden. DJ Icey aus Orlando war schon immer ganz oben auf der Wunschliste derer, die musikalisch und in Sachen Break Beats bis dato noch keinen Berliner Boden betreten hatten.

DJ Icey. Veteranen werden sich sicherlich noch an die ein oder andere Schwärmerei, die Westbam einst über den Äther schickte, erinnern… Statt aber auszuschweifen, quittiert Maximilian Lenz Iceys Gig in Berlin heute mit einem eher trockenen: „Naja, wir sind halt Freunde…“ Den Abend zusammen mit genau jener US DJ-Ikone zu gestalten, lies sich der Herr Lenz nicht natürlich nicht nehmen. Der Wahl-Berliner und DJ der ersten Stunde nutzte die Gelegenheit, um gleichzeitig Bass Planet, seine Label-Kollaboration mit Langzeitgefährte Hardy Hard, vorzustellen. Die Residents ed2000 und Vela, jene Masterminds die Dangerous Drums so maßgeblich prägten, durften natürlich auch nicht fehlen.

Wie immer legten auch genau jene Masterminds, also ed2000 und Vela, den Grundstein der Partystimmung. Corins gefühlvolles und kickendes Warm-Up kündigte zugleich Hope’s Matters an, deren Auftritt für mich persönlich zu einem Schultreffen avancierte. Drei der vier Protagonisten besuchten die gleiche Schule wie ich und die Region aus der wir alle stammen, ist zugleich auch die Heimat von Modeselektor, aka Sebastian Szary und Gernot Bronsert. Schon interessant, welche Vielfalt an engagierten Charakteren der (elektronischen) Musik eine kleine Stadt im Speckgürtel Berlins hervorzubringen vermag.

Sicherlich einer gewissen Aufregung geschuldet, war der Live Act von Hope’s Matters in den ersten Zügen ein wenig statisch. Dies erledigte sich mit der Zeit von selbst und der Herr hinter den Plattentellern startete durch. Er schien geradezu hinter den Reglern zu kleben, was das Warten des nächsten Acts, Vela + Rollin‘ Thunder, erklärte. Vom Sound her gab es instrumental Untermaltes mit einer Basis aus tribalen Latino Rhythmen nebst funky House, und damit eher Dangerous Drums untypisches 4/4 auf die Ohren. Die Vocals von Sängerin DeeN wird man unter Garantie nicht ein letztes Mal gehört haben. Egal ob durch eigene Kraft oder aber „Deutschland sucht den Superstar“, diese junge Frau wird es mit ihrer markigen, in der Liga von Anastacia spielenden Stimme noch weit bringen.

Jene eher 4/4-affinen progressiveren Rhythmen schienen aber irgendwie der perfekte Stimmungsmacher zu sein. Das griff Vela natürlich auf und schickte in der vom Hope’s Matters DJ noch übrig gelassenen knappen Stunde ihres Sets die Leute ordentlich über die Bretter. Vor allem die ein oder andere Fläche machte ihr DJ-Set zum echten Hingucker, oder besser gesagt Hinhörer. Mister „Groove im Blut“ Rollin‘ Thunder würzte das Ganze wieder mit seinen messerscharfen Cuts und Scratches. Sowohl ed2000 als auch Vela ergänzen sich prima mit dem rollenden Donner, das funktioniert einfach und gemessen an den Reaktionen des Publikums, kam an diese Stimmung kein Westbam heran. Selbst Icey hatte damit so seine Mühen.

Mit tief ins Gesicht gezogenem Baseball-Cap trat dann der Herr aus Orlando gegen kurz vor halb drei hinter die Regler, die die DJ-Welt bedeuten. Technisch auf sehr hohem Niveau, spielte Icey eine sehr groovige Mischung aus aufgeschlüsselteren Rhythmen, die zeitweilig auch recht poppig daher kamen. Niemand wunderte die reingemixten 80’s Soundschnipsel, sie passten einfach. Auch traf das ein oder andere techno-getriebene industrielle Beatgestotter den Nerv der Clubber. Im Gegensatz zu manch anderen DJ-Eigenbrödlern, hatte Icey trotz seines eigenen Stils den allerdings Dancefloor immer gut im Griff. Das Auflegen mit CDs entpuppte sich als Tüpfelchen auf dem i, da Icey technisch gesehen, seinen Affen in Form von nahtlosen Übergangen bis hin zum ultraschnellen Punchen so richtig Zucker geben konnte, was die Leute ordentlich über die Bodenbretter schickte. Der dann einsetzende MC blieb allerdings dank seiner einfallslosen und teils planlosen Sprechgesänge hinter den Erwartungen zurück.

Der Auftritt von Westbam bedingte natürlich auch die Anwesenheit eines gewissen Typs von Publikum, das sich schnell aus dessen Schlepptau befreite und in Richtung Bühne marschierte, um diese zu fortgeschrittener Stunde im zwar stark alkoholisierten Zustand, aber mit militärischer Präzision zu Selbstdarstellungszwecken zu okkupieren. Der Arbeit am und ums DJ-Pult war dies nicht gerade förderlich. Auch turnten plötzlich gefühlte 5000 andere Hobbyknipser auf der Bühne rum, die zu allem Übel auch noch anfingen sich selbst(-darstellerisch) abzulichten… Ein definitives No-Go… Logische Folge war Security-Einsatz Nummer 1.

Auf der einen Seite mag das Bühnengeschehen ein interessantes Miteinander zwischen DJ und Fans sein, das so wohl nur in Berlin möglich ist. Auf der anderen Seite ein zieht das die Stimmung schon ein wenig ins Negative, wenn jeder unter Ethanol- oder sonstigen Einflüssen stehende Hans sich berufen fühlt vor Herrn Westbam, der übrigens ganz im Fidel Castro Gedächtnisgewand erschien, auf der Bühne rumspringen zu müssen. Der mit der ersten Bühnenräumung verbundene Lerneffekt verpuffte erstaunlich schnell, prompt waren DJ & Co. wieder von Menschen umringt, was logischerweise Security-Einsatz 2 auf den Plan rief; ein absolut Dangerous Drums untypisches Schauspiel und definitiv der Anwesenheit des üblichen Publikums mit Low Spirit Hintergrund geschuldet.

Nichts desto trotz: Eine Nacht ganz im Sinne der Erinnerungen an zehn fette Berliner Break Beat Jahre, zelebriert in der wieder mal sehr geschmackvoll illuminierten Maria am Ufer. Gratulation und weiter so Corin :-)

Hier das komplette Timetable:

Maria Mainfloor
2300 ed2000
0030 Hope’s Matters live
0100 DJ Vela
0230 DJ Icey
0400 Westbam and Hardy Hard
0600 Arzt & Astma

Josef Floor
0000 Supermario & Werd
0200 Marc Hype & Mitch Alive
0400 Mk1 & Evil Hector

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