Öko-Clubbing mit Klimaschutzeffekt

Wenn irgendwo am Kollwitzplatz mal wieder eine handgestreichelte französische Gans über den Ladentisch geht und neben dem bei Vollmond gepflückten Frühstückstee, sowie weitgereistem Knoblauch aus China im Einkaufskorb des zugezogenen Baden-Würtembergers landet, dann ist das sicherlich eine der extremeren Erscheinungsformen des Öko-, genauergesagt Bio-Wahns. Das die gleiche Triebkraft allerdings auch sensible Themen wie den Klimawandel an ungewöhnlichen Orten zur Sprache bringen kann, bewies kürzlich die Energy Union Nacht im Berliner Club WMF, das gleichzeitig auch Austragungsort der vierten Allianz Party mit Top Acts wie Coldcut live, Monolake live und den auflegenden Modeselektor Jungs war.

Die stadtbekannten Berliner Spatzen pfeifen es ja schon seit einiger Zeit von den Dächern: das WMF ist wieder da. Was im ersten Moment irgendwie nach einer Außenstelle der Firma für Edelstahltöpfe und Bestecksets klingt, ist Berlins neue alte Clubbing-Institution. Würde Berlin auf bzw. über dem 60. Breitengrad Nord liegen, dann hätte die Sonne die Chance von Norden her zu scheinen und den Fernsehturm seinen Schatten auf die neue Location in der Klosterstrasse werfen zu lassen; derart zentral gelegen ist der Club mit den drei Buchstaben. Mit der U2 direkt vor der Haustür, kann man rein theoretisch gesehen direkt vom Dancefloor in die weite Welt hinausfahren. Ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt, wenn man irgendwann in den späten Morgenstunden das WMF durchtanzt verlässt und noch nur ab nach Hause will, oder aber falls man das Auto ganz und gar stehen lassen möchte.

Die Gegend um den Alex ist nicht neu, Dawid Bowie ist auch schon mal drüber geflogen, und für WMF-Kenner stand sie bereits 2005 im Rampenlicht, als dort das WMF Sommerlager gastierte. Was das Nachtleben anbelangt scheint dieses Kiez allerdings nun endgültig aus seinem Dornröschenschlaf erwacht zu sein, befindet sich das neue WMF doch fast in direkter Nachbarschaft zum Platzhirsch Weekend und in illustrer Gesellschaft wie z.B. dem ebenfalls recht neuen Dice Club.

Müsste man einen Vergleich ziehen, dann wäre vom Look and Feel her das WMF am ehesten mit der Maria am Ufer verwandt. Ähnliches Interieur, ähnlich durchmischtes Publikum, ähnlicher Sound und ähnliche Lichtstimmung – das mag auf den ersten Blick ein wenig unselbständig klingen, einen Abklatsch aber wird der geneigte Clubber nicht vorfinden; man trifft viel eher auf ein Erfolgskonzept, sowie einen gewissen gestalterischen roten Faden der sich irgendwie durch alle großen Clubs der Hauptstadt zieht. Das Line-Up der vierten Allianz-Party zog ein erstaunlich junges Publikum, und damit eigentlich genau jene Menschen die zwar teils mit Stöckelschuhen und Handtäschchen auf Clubtour wagen, sich aber noch zu ihren Lebzeiten mit den gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Existenz beschäftigen darf. Ergo: die ideale Zielgruppe für das Projekt von Energy Union.

Schön war die Zeit, als Wetter noch Wetter und kein Klima war. Als EU-Ratspräsidentin auf internationaler Ebene hehre Klimaziele versprechen, um sie dann noch am gleichen Tag in ihrer Funktion als CDU-Chefin der Automobilindustrie wieder zu opfern, das vermag nur Eine, YEAH!… Über den Sinn und Zweck der gesellschaftlichen Einmischung von Musik kann man sich genauso gut streiten, wie über die Art und Weise der Einmischung. Das kann grotesk vonstattengehen, indem man die aktuelle Lage im Iran für die Record Release Party seines Albums missbraucht, um dem Land dann gepflegt von hier oben zuzuprosten und einen Caipi auf die Demokratiebewegung zu trinken. Es geht allerdings auch engagierter und inhaltsreicher, indem Themen wie der Einfluss des Menschen auf das Klima direkt auf den Dancefloor transportiert und somit diskutiert werden. Weiterer Pluspunkt in Sachen Ernsthaftigkeit ist die vor Ort ermöglichte Teilnahme an der Petition der Klimapiraten. Angesichts der eingangs erwähnten inkompetenten Kuschelregentin ist ein derartiges Engagement privaterseits zwingend erforderlich.

Methangas sowie das Reflexionsverhalten von Wasserdampf (Wolken) sind die wesentlich effektiveren Erderwärmer. Sie haben nur indirekt mit dem Verbrennen fossiler Brennstoffe und CO2-Ausstoß zu tun und werden daher gern vergessen. Der Zuwachs an Methan und Wasserdampf in der Atmosphäre geht Hand in Hand mit dem Anstieg der Erdbevölkerung und Nahrungsbedarf, sowie dem Raubbau an Natur und Regenwald. Coldcuts Performance striff diese Themen, ging allerdings nur auf den industriellen, offensichtlichen Einfluss des Menschen aufs Klima ein. Angesichts derart geballten Fachwissens rollte selbst die kleine Klimapiratin nur noch mit den Augen. Aber vielleicht ist eine derartige inhaltliche Tiefe auch zu komplex für Clubabende, denn schließlich soll ja auch zu guter Musik getanzt werden und nicht nur dem klimabedingten Ende der Menschheit entgegen getrauert werden.

Coldcuts setzte sich glaubhaft mit den in ihrer Performance enthaltenen Themen auseinander, bindet zum Beispiel alle Textpassagen in der jeweiligen Landessprache der Crowd mit ein, so dass nicht nur optisch sondern auch sprachlich die Menschen auf dem Dancefloor erreicht werden. Musikalisch gab es eine teils anmutige, teils treibende Mixtur Coldcuts bekanntester Stücke, die im Takt der animierten Ölpumpen auf die Ohren niedersauste. Zu guter Letzt bestach der Live Act mit externen Einflüssen, wie z.B. dem Einflechten des Themes von The Age Of Love.

Kaum waren die Briten von der Bühne, fing auch schon der Boden an zu wabern und die Füße der Clubber wurden von einem unterschwellig-bassigen Brummen umspült. Mitten auf dem Dancefloor, wohlgemerkt im Herzen der Crowd, hatte Monolake (aka Robert Henke nebst VJ Tarik Barri) seine selbst erschaffenen Gerätschaften aufgebaut und schickte von dort Salven feinster aufgeschlüsselter deeper dunkler Industrial Technobeats in die Menschenmenge. Der Funke zwischen Act und Club sprang schnell über; es dauerte nicht lange und Roberts schütteres Haar wogte im Stil eines Technogelehrten wild groovend über den Häuptern seiner Schüler. Dubbig clubbiger Techno in Bestform – etwas für Kenner, live serviert, mittendrin und in feinster Live Surround Manier.

Für Modeselektor ist das neue WMF bereits jetzt schon mit Erinnerungen verknüpft, an die Record Release Party des Moderat Debütalbums zum Beispiel. Dafür das es nicht bei dieser einen Record Release blieb, sorgte das Berliner Label Get Physical, für deren achte Ausgabe der DJ-Mix Compilation Body Language sich Szary und Bronse verantwortlich zeichnen dürfen, und deren Veröffentlichung im Rahmen dieser Nacht zelebriert wurde.

Legen die beiden BPitcher statt eines Live Acts ein DJ-Set hin, geht’s nicht minder basslastig und experimentierfreudig zu. Das Plattenköfferchen könnte ein Lied davon singen, welche verschiedenen Genres aus ihm raus und dann in Vinylform auf die Plattenspieler wanderten. Modeselektor DJ Sets: eine bassgewaltige Fusion aus Techno, Elektro und Breaks, gewürzt mit Reggae, Ragga und Hip Hop Elementen.

Das provokant über der Projektion befindliche Notausgangsschild wirkt als ob es in die Performance mit eingebunden wäre. Nur leider verfügt unsere Leben spendende Insel im Weltall nicht über eine solche Exitstrategie. Folglich hinterlässt die Nacht einen mit Hoffnung verknüpften Nachgeschmack: Sind die Effekte derartigen Engagements messbar, sprich, bringen derartige Parties etwas? Jonathan Moore antwortet darauf: „Sicherlich wird unser Projekt nicht von heute auf morgen die Welt verändern, aber einen Versuch ist es allemal wert. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Wobei uns im Gegensatz zu Rom allerdings die Zeit davonläuft…“ – Eine ehrliche, objektive und von unternehmerischem Geist geprägte Sichtweise. Unsere heutige Lebensweise ist stark energiegeprägt, wir konsumieren jeden Tag Unmengen davon. Umweltschutz hin oder her, in Zeiten des Kapitalismus sind auch die regenerativen Energien Teil des riesigen Energiemarktes. Noch sind sie damit beschäftigt den konventionellen Energiesektor zu revolutionieren. Sollten sie jedoch einen marktdominanten Status erreichen, wird sich zeigen ob hier grundsätzlich pro Natur und Erde, oder doch wieder nur ans eigene Portemonnaie gedacht wird.

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