Asien verpackt in Glas und Stahl – Hongkong

Die einstige britische Kronkolonie Hongkong ist auch gut zehn Jahre nach ihrem Retransfer an die Volksrepublik China immer noch eines der wichtigsten Zentren Asiens, und nicht nur in rein finanzieller Hinsicht. Egal ob unter marktwirtschaftlicher oder kommunistischer Flagge, wer am Victoria Harbour entlang flaniert wird den Boom den Hongkong erfuhr unschwer übersehen können. Inmitten der bunten glitzernden Welt aus Werbeschildern gibt es viel zu entdecken, dass sich in der schnelllebigen Welt des Glas-Stahl-Turbokapitalismus seine asiatische Authentizität erhielt. In erster Linie ist damit das Essen gemeint; die von Frische, Dampf und Meeresgetier geprägte kantonesische Küche.

Vor nicht allzu langer Zeit noch war eine Flugreise nach Hongkong nichts für Herzschwache. Selten wurden Piloten beim Landen so stark gefordert wie durch den Kai Tak Airport, denn wenn die Jumbo-Jets der großen Fluglinien ihre Nasen durch den wolkenkratzernen Vorhang steckten, ging seitenwindbedingt auch schon mal die ein oder andere Landung schief. Der eigens aufgeschüttete Flughafen Chek Lap Kok setzte der Ära der aufregenden Anflüge ein Ende und entwickelte sich binnen 10 Jahren zu einer der wichtigsten Airports in Asien, da in ca. 5 Flugstunden von dort die Hälfte der Weltbevölkerung erreicht werden kann. Zudem ist der Chek Lap Kok für viele China- und (logischerweise) Hongkong-Reisende das Einfallstor in die asiatische Welt.

Wer ein wenig Zeit hat, dem sei die Fahrt mit dem Bus A21 empfohlen. Zahlt man beim Fahrer, so muss der Fahrtpreis entweder passend gezahlt werden, oder aber man bekommt kein Wechselgeld. Am Airport ist das jedoch halb so schlimm, die Ticketbuden am Kopf der Buswendeschleife geben auf den Cent genau heraus. Für den Ritt von Lantau nach Kowloon Downtown braucht der A21 circa 50 Minuten. Am Ende der ganz Kowloon durchziehenden Hauptmagistrale Nathan Road, warten dann auch schon die Werber der Hotels auf die aussteigenden Touristen.

In Hongkong zu leben bedeutet für viele Menschen ihr Leben auf engstem Raum zu verbringen. Der Blick in manche Hinterhöfe und das Aussehen vieler Fassaden geben einen ersten Anhaltspunkt wie komprimiert manch menschliches Schicksal in Hongkong über die Bühne geht. Die Häuser, so zum Beispiel das Chunking Mansion, sind oftmals in Blocks aufgeteilt, um den vorhandenen Platz möglichst komplett nutzen zu können. Jeder Block hat seinen eigenen mit einem Buchstaben versehenen Aufgang bzw. Aufzug. Dazwischen tobt dann das Leben… Von der örtlichen Rolex-Niederlassung, natürlich mit „Originalware“, bis hin zu Oberschalen und iPhones aus eigener Produktion findet man so ziemlich alles in den kleinen Ladenzeilen, die dann und wann durch kleine Imbisse unterbrochen werden.

In Hongkong trifft man nicht nur auf Arbeit suchende chinesische Landbevölkerung, sondern auch auf viele andere Ethnien. Speziell in Kowloon ist ein Hort des Multikulti, während Pakistani und Inder sich am Imbiss mürrisch taxieren, läuft ein kleiner Trupp Westafrikaner am tibetanisch anmutenden Wachmann vorbei. An Orten wie dem Chunking Mansion lässt sich ein solch kleiner ethnischer Mikrokosmos herrlich beobachten und genießen.

Wasserverbundene Menschen wird es natürlich sofort zum Hafen ziehen. Außer den regelmäßig verkehrenden Fähren ist zwischen Kowloon und Hong Kong Central allerdings nicht viel los… Wer z.B. die Lebendigkeit des Bosporus kennt, der wird ein wenig enttäuscht sein. Dafür kann Istanbul wiederum nicht mit direkt am Wasser residierendem Glas und Stahl aufwarten, schon gar nicht mit 400m Riesen wie dem Two International Finance Center (IFC).

Jeden Abend startet gegen 20 Uhr die Lichtshow. Dabei flackern dann für eine Viertelstunde die Fassaden so ziemlich aller Geschäftsgebäude wild umher, während der grüne Laser des IFC den Himmel durchpflügt und auf der Kowloon-Seite des Victoria Harbour dazu Musik erklingt. Sonderlich koordiniert, und somit beeindruckend wirkt diese groß angelegte tägliche Verschwendung von Elektroenergie allerdings nicht…

Gegen 23 Uhr erwische ich eine der letzten Fähren nach Kowloon. Plötzlich kracht ein Furz scheppernd gegen das Schiffsdach und wird echoartig über das gesamte Oberdeck verteilt, zum Glück nur in Sachen Geräusch. Offensichtlich hat der Matrose tagsüber wohl auch derart gut gegessen wie ich… Mitteleuropäer quittieren derartige Szenen mit Gesten die zwischen Amüsement und augenrollendem Stirnrunzeln schwanken. In China gehört dies und auch der satte, tief aus den Eingeweiden empor kriechende Rülps einfach zum Thema Essen mit dazu. Selbstredend, dass das Essen mit Stäbchen ebenfalls zelebriert wird. Selbst dann, wenn man nur in die kleinen Strassenrestaurants, den Dai Pai Dongs einkehrt.

Der zum Essen gereichte Tee wird übrigens zum Anwärmen und Reinigen der Stäbchen genutzt. Zur Mittagszeit in Soho (HK Central) bietet die Gegend um die Central-Mid-Levels Escalators, speziell die Stanley Street, ein sympathisches wie authentisches Schauspiel: kaum hat die Uhr zwölf geschlagen, sind auch schon alle Plätze besetzt und die Gaskocher laufen auf Hochtouren. Es wird auf Teufel komm raus gewürzt, gehackt, geschnippelt und frittiert, denn die Schlips- und Anzugsträger aus den Etagen der angrenzenden Finanzspielplätze bringen ordentlich Hunger mit. Und dann wird im Rhythmus der benachbarten Baustelle und der dortigen Bohrmaschinenorgie gespeist… Preislich sind die Dai Pai Dongs übrigens genauso ein Schmankerl wie kulinarischerseits. Für ein Rund-um-Wohlfühl-Mittagsessen zahlt man inklusive eines großen Tsing Tao Biers selten mehr als 6 Euro.

Für Menschen, die nicht nur der Sättigung wegen essen, ist Hongkong ein nahezu idealer Anlaufspunkt. Wirklich frische Zutaten zum Einsatz zu bringen, ist für viele Menschen Hongkongs eine wahre Herzensangelegenheit, die jeden Tag aufs Neue gepflegt wird. Im Gegensatz zum tiefkühlorientierten Japan, kommt in HK nämlich nur Frisches auf den Tisch. „Du bist was Du isst!“ wird in Hongkong groß geschrieben, und egal ob Gemüse oder Meeresgetier, man braucht nur um die Ecke zu gehen und wird an den Marktständen der Graham Street geradezu vom Frischfisch oder knackigem Gemüse angesprungen.

Eine absolute Spezialität ist „Grouper in spiced Salt“, sprich frischer Zackenbarsch in einer speziellen Gewürz-Salz-Ummantelung. Dazu gibt es aromatischen Reis, frische leicht anfrittierte grüne Chilis und ein Tsing Tao Bier – kurzum: ein kulinarisches Feuerwerk für weniger als 6 Euro. Bei der Fülle der Speisen erwischte mich dann auch prompt beim Fressen durch die Speisekarte. Bei einem der Gerichte hielt ich inne und fragte nach dem Namen. Die Alte sieht in ihren Gummistiefeln eher wie eine Gärtnerin denn wie eine Köchin aus. Sie schaut mich an, überlegt kurz und lässt dann nur ein „Miiiiauuu!“ durch die drei verbliebenen zwei Schneidezähne gleiten, während sie mit ihren Händen dem imaginären Stubentiger das Genick umdreht. Ein „Hmm, also für Katze schmeckt das gar nicht so schlecht…“ schoss quer durch mein Großhirn, während das Kleinhirn schon wieder die Finger, und damit die Stäbchen zum Weiteressen ansteuerte. Die Alte quittierte das mit einem schelmischen Grinsen und Zwinkern, hatte sie es doch nicht geschafft den Fremden mit den altbekannten Klischees aus der Reserve zu locken ;-)

Was den Parisern ihr Croissant zum Frühstück, ist den Hongkongern ihr Dim Sum, das gleichzeitig auch die Rolle eines frühen Mittagessens übernehmen kann und logischerweise auch bis in den späten Vormittag hinein serviert wird. Herzstück der Dim Sum Tradition ist der gleichnamige hölzerne Dampftopf und die rund ums Essen stattfindende Kommunikation. Wer Dim Sum als Frühstücksvariante wählt, der wird fleischtechnisch ordentlich in die Pflicht genommen. Los geht’s mit Shrimp oder Pork Dumplings. Die Schweinefleischvariante zumindest geht in Sachen ausgewogene Ernährung schon mal ans Eingemachte… Auch sollte man bei einigen Dim Sum-Varianten bereits am Morgen schon zwiebel- und korianderfest sein. Der Begriff „dumpling“ ist mit Knödel ein wenig zu direkt übersetzt, und hat mit der automatisch assoziierten bayerischen Variante nicht wirklich viel gemein. Teigtasche, Fleischklösschen bzw. gefüllter Nudelteig treffen sinngemäß wohl eher den Kern. Auch trinkt man in Bayern wohl selten Jasmin-Tee zum Mal. Den gibt es übrigens meist als Flat Rate, und so viel die Blase zu fassen vermag. Dim Sum ist sehr preiswert – man legt bei wirklich großem Hunger pro Kopf selten mehr als 40 HK$ auf den Tisch.

Für preiswertes, authentisches und qualitativ sehr gutes Dim Sum empfehle ich das Mu Dan Ting, zu finden in der Hankow Road 28, in der 2. Etage des Pacific Centre in Kowloon. Die Bedienung muss man nicht nur dort übrigens so gut wie immer heranwinken. Augenkontakt reicht selten aus um eine Bestellung oder die Rechnung zu ordern. Auch in relativ kühlen Frühlingsmonaten bringt der Hongkonger gern die Air Condition zum Einsatz. Das mag zwar helfen den nuklear heißen Jasmintee schnell runterzukühlen, beim Dim Sum allerdings sieht man die Chinesen dann in geschlossenen Räumen alle in Jacke rumsitzen. Eine interessante, und teilweise recht frische Szenerie, die natürlich auch mal vom ein oder anderen Brunftschrei-ähnlichen Rülps unterbrochen wird, wenn ein Chinese mal wieder seinen Verdauungsorganen Luft zuführt.

Die kleineren Hostels sind wunderbar authentisch und sehr sehr gastfreundlich, so zum Beispiel Simons Guangdong Guest House. Große Menschen allerdings werden in den Hostels generell immer ein kleines Problem bekommen. Bereits eine durchschnittliche europäische Körpergröße von 1,75 Metern ist für asiatische Verhältnisse recht groß ist. Steigt man ins Bett, berührt man schnell Kopf- und Fußende zugleich. Die dann folgende Nacht verbringt sich, als ob man dann in einem Schraubstock eingespannt wurde… Zum Glück kommt keiner mit einer Feile lang :-)

Eine der wohl bekanntesten Attraktionen ist der abendliche Blick herab auf die Glas- und Stahlriesen in der Bucht von Hongkong, das Panorama des Victoria Peak. Dazu wurde eigens eine mehrstöckige Aussichtsplattform auf den Bergrücken gebaut, welche man mit der Peak Tram und dem Zubringer-Bus 15C vom Star Ferry Pier aus erreichen kann. Oben angekommen trifft man auf eine bunte Mischung aus Japanern, Deutschen, Briten, Russen, Indern und natürlich Chinesen. Die Fernsicht wird oft nur durch eines getrübt: Nieselregen und den damit verbundenen niedrig hängenden Wolken. Der gut 400m hohe Turm des IFC kratzt dann schon mal am himmlischen Wasserdampf, welcher rot-violetten glüht und die tausende Lichter der Stadt absorbiert. Das witzige an der Namensgebung: Die Aussichtsplattform The Peak ist noch nicht einmal der Gipfel des gut 500 Meter hohen Victoria Peak Massivs. Das Gebäude, das zu großen Teilen nichts weiter als ein auf Touristenfang ausgerichtetes Kaufhaus ist, residiert in der Mulde zwischen den beiden Gipfeln.

Allerdings hat nicht nur der Berg eine interessante Aussicht zu bieten. Sowohl die Bank of China, als auch das über 400m hohe IFC Gebäude haben eine für die Öffentlichkeit begehbare Aussichtsplattform im Angebot. Leider ist damit nicht das Dach, sondern, zum Leidwesen von fotografisch ambitionierten Menschen, eine mit spiegelnden Scheiben umgebende Etage gemeint. Die Perspektiven und die Aussicht auf Hongkong Central sind durch die Bank weg äußerst sehenswert. Man muss lediglich seinen Ausweis oder Reisepass mitbringen. Ohne diesen kann der Besucherausweis nicht ausgestellt werden und man muss wieder umkehren.

Speziell HK Central ist von vielen asphaltenen Lebensadern durchzogen. Am intensivsten lässt sich das von Strassen durchzogene Häusermeer von der Schiene aus beobachten. In der Des Voeux Road stolpert man geradezu über die Unmengen an umweltfreundlichen Schienenfahrzeugen, deren Schlankheit eher an ein Yes-Torty denn an eine Strassenbahn erinnert. Auch hier gilt: Bitte passend zahlen! – erst dann, bzw. wenn man mit einer wertmäßig größeren Münze bezahlt, nimmt einen die Tram mit auf die Reise gen Endstation.

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