Ins Netz gegangen – Das Netaudio Festival 2009

Abseits von Produzenten, Charts, Produkten und Konsumenten hat sich eine Welt etabliert, die sich nicht den Tendenzen, Sorgen und Nöten des Musikmarktes unterwirft. Die Netaudio Bewegung hat sich auf die Fahne geschrieben der Musikszene ihre Würde wiederzugeben und statt finanzieller Interessen wieder menschliche Werte wie Vertrauen, Aufmerksamkeit und Zusammenarbeit zum Zuge kommen zu lassen. Aus jener Philosophie und über 150 Bewerbern entstand ein internationales Festival, dass ganz nah am urbanen Pulsschlag der Zeit und natürlich in Berlin stattfand, in einem der undergroundigsten Clubs der Stadt: der Maria am Ufer.

Kaum war das finale Line-Up über den Äther, bzw. über den Draht veröffentlich worden, ging ein aufgeregtes Raunen durch die Reihen der Berliner Szene. Vor allem (wie sollte es auch anders sein) die für den Bereich elektronische Musik verpflichteten Acts ließen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Speziell die Deep und Tech House Fraktion wurde vom Netaudio Festival in den siebten Musikhimmel gepampert, denn immerhin konnten für die Wochenendgigs hochkarätige Künstler wie Dirk Diggler, Marko Fürstenberg, der gute alte Tanith und nicht zuletzt die russischen Schwergewichte Anton Kubikov und Maxim Milyutenko, besser bekannt als SCSI-9, verpflichtet werden.

Netaudio, das ist ein Verbund von online agierenden Menschen deren Antrieb die Liebe zur Musik ist. Das Internet dient durch den Betrieb von Foren, Blogs und Labels als internationale Plattform für Kommunikation und Austausch. Mit Veranstaltungen wie z.B. dem gleichnamigen Festival wird der Schritt weg von Smileys, Twitter und iPhone hinaus ans Tageslicht der Clubnacht gewagt. Ein alles andere als unwichtiger Schritt, denn plötzlich werden aus virtuellen HTML-Charakteren (be-)greifbare Menschen und Aktionen. Klingt alles ein wenig nach Goethes „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ – das ist es auch, da es sich primär um die eingangs erwähnten humanitären Werte dreht. Kurzum: die Verbindung von informationeller UND künstlerischer Selbstbestimmung.

Am Samstag in der Maria am Ufer, dem Club mit dem „unglaublich leckeren“ Astra-Pils angekommen, fiel zunächst die große kosmetische Operation auf, die das charismatische, aber für gewöhnlich recht betonlastige Antlitz des Clubs in eine Oase der Visuals verwandelte. Die derben Strukturen im Inneren wurden im Chill-Out-Bereich mit von der Decke weich herab fallenden Tüchern verhüllt, welche selbstverständlich ebenfalls in das audiovisuelle Gesamtkonzept mit einflossen. Dem Hauptfloor der Maria wurde die selbe Ehre zuteil, sprich zusätzliche Projektionsflächen separierten ihn vom Bar- und Durchgangsbereich, was für ein zusätzliches Quäntchen an Intimität sorgte. Der größte Hingucker war allerdings der großflächige Screen, welches fast den gesamten Mainfloor einrahmte und den Jungs von der E-Gruppe eine audiovisuelle Spielwiese par excellence bot. Mit spezieller Technik und Software wurde ein großes Gesamtbild über drei Beamer verteilt an die Wand projiziert.

Erste große Überraschung des Abends war das DJ-Set von Falko Brocksieper, den in Sachen Auflegen viele Leute fälschlicherweise eher im Bereich minimalen Geklöppels verorten. Der abgebrüht spielende Brocksieper erschuf mit einer treibend-hypnotischen Mixtur aus Deep und Tech House das perfekte Fundament für eine lange Nacht. Der nachfolgend spielende DJ Apoll legte zwar einen Gang zu und befeuerte die Massen mit Techno satt, allerdings wäre sein Set anlässlich des Netaudio Festivals mit ein wenig mehr Konstanz in der Genremischung noch griffiger gewesen. Die ein oder andere Goa-Scheibe mit einfließen zu lassen war genial, aber irgendwann wurde es ein bisschen zu umfangreich, so dass auch das Mixing anfing darunter zu leiden.

Kubikov und Milyutenko müssen den Weg zur Maria wohl mit der S-Bahn angetreten haben, denn ihr Live Act startete erst eine gute halbe Stunde später. Das Warten jedoch lohnte sich allemal, da schon die ersten aus den Boxen dringenden Grooves und Flächen die Menge zum toben brachte. Anton wieder konzentriert auf die Gerätschaften blicken und Maxim an den Schaltern walten zu sehen, rief sofort Erinnerungen an ihren SCSI-9 Gig auf dem Fortdance Festival 2007 wach. In Begleitung der genialen Visuals lieferten die beiden ein musikalisches Schmankerl, das man selbst in einer Techno-affinen Stadt wie Berlin nicht alle Tage zu sehen und vor allem zu hören bekommt.

Auf den anderen Floors ging es nicht weniger munter zu. Vor allem die Sets von Metastaz und Comfort Fit rockten gewaltig. Die bunte Mixtur an Musikstilen zog eine interessante Mischung aus Ur-Berliner Clubgängern und internationalem Publikum an. Das ganze Geschehen wurde natürlich nicht nur live ins Netz gestreamt, unter anderem vom Berliner Netzradio bln.fm, sondern auch vom Deutschlandradio Kultur und Radio Fritz über den Äther geschickt. Man kann also auf die nächsten Schritte dieser Bewegung gespannt sein – ernst zu nehmen ist sie allemal.

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