Aus ewiger Liebe gebaut – Das Taj Mahal

Liebe geht bekanntermaßen ja durch den Magen und vielleicht ist genau das die Erklärung, warum bei uns so ziemlich jedes zweite indische Restaurant den Namen Taj Mahal trägt. Der eigentliche Namensgeber ist im nordindischen Agra zu finden und wurde von Großmogul Shah Jahan im Gedenken an seine Hauptfrau Mumtaz Mahal erbaut. Der Welt hinterließen Shah Jahans innige Liebe und sein persischer Architekt Abu Fazel eine einzigartige Kostbarkeit der indo-islamischen Baukunst.

Anstehen um ins Taj zu kommen kann ziemlich amüsant werden. Am Morgen begehren glücklicherweise nur wenig Touristen Einlass, die starten dann aber auch schon mal das Ziehen ernsthafter Vergleiche zwischen dem Taj und Boston oder Philadelphia… Die Sicherheitsvorkehrungen sind penibel. Taschenmesser etc. sind nicht erlaubt und auch der Fotorucksack und die Ausrüstung gehen gerade noch so durch, nachdem man sich beim Abtasten durch den Sicherheitsbeamten ein wenig das Sexualleben auffrischen konnte.

Außer den Touristen ist sind um diese Uhrzeit nur ein paar Reiher unterwegs, die die Emporkömmlinge der mit Wasser gefluteten Rasenflächen schmatzend in Empfang nehmen. Angesichts der achtlos auf den Rasenflächen entsorgten Plastikflaschen, wünscht man sich Arbeitseifer der mal so wäre wie der beim Security Check… In Anbetracht eines solchen Bauwerks muss man derartigen Müll einfach aus seinen Fotos entfernen.

Oftmals verhüllt der über Agra schwebende Dunst die Türme des direkt am Fluss Yamuna liegenden Taj Mahal Mausoleums, dessen marmorne Grundplatte imposante 100×100 Meter misst. Das Taj Mahal ist nicht nur in dieser Hinsicht ein Bau der Superlative. Während der 17 jährigen Bauzeit kamen über 1000 Elefanten zum Einsatz, ganz zu schweigen von den unzähligen Arbeitern und Unmengen selbst nach heutigen Maßstäben äußerst wertvollen Materialien, die aus ganz Indien und Asien herangeschafft wurden.

Der Bau dieses Monuments übertraf alle damals bekannten Dimensionen und führte tragischer Weise indirekt auch zum Sturz des Großmoguls, da die verbauten/verwendeten Ressourcen anderswo große Löcher schlugen. Shah Jahans Sohn Muhammad Aurangzeb Alamgir diente dies ironischerweise als eines der Kernargumente für seine Machtergreifung. 1666 wurde Shah Jahan neben seiner geliebten Gattin beigesetzt. Das Grabmal Jahans stört allerdings die Symmetrie des inneren Taj Mahals, was dafür spricht, das für den Großmogul eigentlich ein eigenes Grabmal geplant war.

Die Einzigartigkeit dieses Baus als auch der Status ein UNESCO Weltkulturerbe zu sein, lassen einen das Taj Mahal alles andere als allein erkunden. Es drängen sich Heerscharen von Menschen durch die Portale, besonders am Valentinstag, um am Ende der Gartenanlage das weiße Marmormausoleum in Augenschein nehmen und umrunden zu dürfen. Die den Hauptbau begrenzenden seitlichen Minarette wirken übrigens nicht nur leicht „schief“, sie sind es auch. Im Falle eines Erdbebens – der indische Subkontinent drückt sich in die eurasische Kontinentalplatte hinein und faltet dabei den Himalaya auf – sollen die Türme vom Gebäude weg stürzen.

Das Autos, Tuk-Tuks und Busse dürfen sich dem Taj Mahal nur noch auf maximal 2 Kilometer annähern. Was nicht sonderlich viel bringt, denn die Luftverschmutzung lässt das Bauwerk auf Dauer vergilben, so dass es jeden Freitag gereinigt wird, weshalb Besucher an diesem Tag keinen Eintritt erhalten. Alle fünf Jahre wiederum wird das Taj für längere Zeit geschlossen und generalüberholt.

„Das Taj Mahal ist ein Traum aus Opium. Was die Besucher im Inneren nicht sehen können, sind tausende, über den Sarkophag von Mumtaz Mahal verteilte Mohnblumen-Ornamente.“, berichtet Krishna Gaur. Er ist der der elfte Nachfahr der Familie, die sich für die Ornamente und Intarsien verantwortlich zeichnet, sprich Halb- und Edelsteine so bearbeitet, dass sie passgenau in den Marmor eingeklebt werden konnten. Den Glücksgriff diesen Menschen kennengelernt zu haben und die Philosophie seiner Familie aufs Intimste aufsaugen zu dürfen, macht die Erfahrung Taj Mahal umso intensiver. Das Monument hat aber auch eine grausame Seite, denn „nach Abschluss seiner Arbeit wurden alle involvierten Handwerker ihrer Fertigkeiten beraubt indem man ihnen die Hände abschlug und auch die Augen ausstach, so dass kein ebenbürtiges Bauwerk anderswo entstehen konnte.“, erzählt Krishna weiter.

Sowohl Sonnenaufgang als auch -untergang am Taj Mahal sind überbewertet, denn am ehesten bekommt man einen feinen Lichtsaum am Gebäude zu Gesicht. Das liegt am den Horizont verpestenden Smog, der wie ein Türsteher im Berliner Club Berghain Streiflicht wenn überhaupt nur willkürlich und sporadisch, geschweige denn das Restlicht der Blauen Stunde zum Taj vordringen lässt. Der Bau ist mit einem todesstreifenartigen Stacheldrahtzaun umgeben der die eigentlich schöne Szenerie am Fluss, mit den auf den Sandbänken ihr Gefieder trocknenden Kormoranen, gnadenlos zersägt.

Ein wenig staubiger wird es wenn man sich das Taj Mahal von der gegenüberliegenden Flussseite anschauen möchte, aber auch dieser Platz ist einen dort verbrachten Abend oder Morgen wert. Wie überall ist auch hier der Stativeinsatz nicht erlaubt, aber da das Gebäude ohnehin nicht angestrahlt wird, erübrigt sich das Mitschleppen des Dreibeins. Lüftet sich der Vorhang des Smog und gelangen Licht und Himmel hindurch, dann wird dieser Ort trotz aller touristischen Hektik durch und durch magisch…

Sehenswert ist das ebenfalls in Agra befindliche Baby Taj. Auch hier trifft man auf eine üppige Gartenanlage mit Blick auf den Fluss, welcher zur Trockenheit allerdings zu einer unansehnlichen undefinierten schwarzen Brühe avancieren kann. Während man durch die Tempelanlage wandelt und die Symmetrie des Baus bewundert, begleiten einen drollige kleine Erdhörnchen, von denen man eines am liebsten nach Hause mitnehmen wollen würde.

Wiederum nicht weit vom Baby Taj, an der gleichen Straße gelegen, findet sich der 450 Jahre alte Bau „Chini-Ka-Rauza“. Das schon etwas stärker den Elementen ausgesetzte Gebäude diente einst als Moschee, wovon die im Inneren abgebildeten Suren zeugen. Da das Sonnenlicht nur wenig Zugang zum Gebäudeinneren erlangt, sieht man auf den ersten Blick nur wenige Farben. Die Kamera jedoch kitzelt aus den alten Fresken jegliche Kontur und Farbnuance heraus, so dass das Chini-Ka-Rauza zumindest aus fotografischer Sicht nicht uninteressant ist. Ist es draußen allzu warm, so bietet das aus starken Mauern gestaltete Innere des Chini-Ka-Rauza eine willkommene Abkühlung.

Das Fort zu Agra besucht man am besten in den Morgenstunden, wenn noch nicht so viele Menschen den Weg auf die Burg fanden und das morgendliche Sonnenlicht die rote Farbe des Mauerwerks unterstreicht. Bereits am Eingang wird man schon von den üblichen Verdächtigen belagert irgendwelchen Tinnef zu kaufen. Lässt man diese recht aufdringlichen Gestalten stehen, geht es durch das massive Tor über einen Gang in den Innenhof, wo herrliche Marmormosaike und eine sehr schöne Aussicht über Agra des Betrachters Auge einladen.

Verglichen mit anderen indischen Städten ist Agra schon ein wenig sauberer und für wenig Geld kann man sich einen privaten Fahrer organisieren, der einen a) zu allen Sehenswürdigkeiten und b) auch nach Fatehpur Sikri bringt. Die Typen kassieren Kommission für jeden angeschleppten Touri. Wer das nicht will, spricht den Fahrer offensiv darauf an, zahlt ein wenig mehr, hat dafür aber dann seine Ruhe. Wer Lust auf richtig gutes Chicken Tandoori hat, der sollte sich zu Mu‘urgha (auch „Mama Food“) fahren lassen. Es ist ein Imbiss mit Stehtischen, allerdings brennt dort speziell in den Abendstunden die Hütte, man kann die Atmosphäre aufsaugen, mit jungen Leute in Kontakt kommen und ein hammermäßiges Chicken Tandoori oder Chicken Tikka genießen.

Abschließend betrachtet ist Agra allerdings auch einer der Orte, wo den Touristen am meisten und frechsten nachgestellt wird. Mein Fahrer Shameer war ohne Zweifel gut, sein ewiges „only looking, not buying“ war aber ganz klar darauf ausgerichtet Kommission zu kassieren. In derartigen Shops angebotene Waren sind bereits auf europäischem Preislevel. Generell ist das nicht schlimmes, aber wer weiß welchem Inder man den Skiurlaub in den Alpen finanziert statt eine Wertschöpfungskette aktiv und fair zu unterstützen (ein Beispiel mit realem Hintergrund).

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