Sunda, die Straße am Feuerberg

Wenn das normalerweise vom Erdmantel verhüllte Magma zu Tage tritt und in direkten Kontakt mit Wasser kommt, dann spricht der Experte lediglich leicht unterkühlt von einer phreatomagmatischen Eruption, die uns bekannte Welt hingegen wird mit einer Explosivkraft konfrontiert, die mehrere hundert Hiroshima-Bomben stark sein kann. Im Jahre 1883 ereignete sich ein derartiger Vulkanausbruch epischen Ausmaßes. Über 20km3 Gestein und Asche wurden in bis zu 25km die Höhe katapultiert und ein bis zu 40 Meter hohen Tsunami fegte die Dörfer auf den umliegenden Inseln von der Landkarte. Ort dieser Katastrophe war das indonesische Archipel, genauer gesagt die Sunda-Straße zwischen Sumatra und Java, wo heute bereits der Nachfahre des einst explodierten Feuerbergs in den Startlöchern steht und regelmäßig neue Ausbrüche in den Himmel schickt: Der Anak Krakatau, an den das Leben nach und nach zurückkehrt, vor allem unter Wasser.

Die See ist rau, der Wind aber hat dieses Mal keine Aktie daran. Das indonesische Archipel liegt mitten zwischen pazifischem und indischem Ozean. Die dort auftretenden urgewaltigen Strömungen können für Taucher, Schwimmer und Hobbykapitäne über wie unter Wasser lebensgefährlich sein. Sie reißen Dich einfach auf Nimmerwiedersehen mit in die Tiefe… Die kleine Nussschale die mich von Carita aus zur in der Sunda-Straße gelegenen Inselgruppe des Vulkans Krakatau bringt, wird vom Seegang ordentlich durchgeschaukelt. Käpt’n, der sich die ganze Reise auch immer nur mit Käpt’n adäquat angesprochen fühlte, steuerte den Bug mit meisterlicher Präzision immer frontal auf die Wellenberge, auf dass alles im Boot inklusive Passagiere hochspringt und wieder aufs Deck knallt. Ein Glück ist das Thema Seekrankheit durch seitdem ich fünf Jahre alt bin, dieses Geschaukel aber ist schon gewöhnungsbedürftig und hinterlässt definitiv blaue Flecken.

Das indonesische Wort Anak bedeutet so viel wie Nachfahre, Zögling oder Kind und das der Apfel auch im vulkanischen Sinne nicht weit vom Stamm fällt, stellt der direkt in der Caldera seines Vorgängers in die Höhe wachsende Anak Krakatau jeden Tag aufs Neue unter Beweis, normalerweise. Denn für die Dauer meines Aufenthalts gönnte sich der Feuerberg eine kleine Auszeit und schickte außer dicken Wolken seines faulgasreichen Atems nichts weiter in den Himmel. Ideale Bedingungen für einen Aufstieg, eigentlich. Unmittelbare Gefahr aber ging von einem glühenden Lavapfropfen aus der den Schlot verschloss. Der Vulkan hätte sich jederzeit Freisprengen können.

Der Aufstieg zum Krater des Krakatau artete eine Viecherei aus… Etliche Meter über mir waren ein paar Franzosen unterwegs die keinen Schimmer davon hatten, wie man sich am Berg benimmt. Sie traten Felsen los und so polterten messerscharfe Lavafelsen auf mich nieder und zerschnitten binnen weniger Minuten meine Kleidung. Das Aufsetzen eines Helms erwies sich im Handumdrehen als Lebensversicherung. Viel schlimmer allerdings waren die unvermittelt am Hang auftauchenden heißen Gasauslässe. Gemeint sind frische Löcher im Gestein, aus denen heißes Gas rausschießt. Leider konnten nicht alle dieser Löcher sofort am Hitzeflimmern identifiziert werden, so dass Verbrennungen vorprogrammiert waren. Derart traktiert entschied ich auf halber Strecke nach gut 2 Stunden in der Glimme den Krakatau Krakatau sein zu lassen und ihn nicht zu besteigen, zumal die voraus Kletternden dann auch noch begonnen aus Unwissenheit die ein oder andere kleine Gerölllawine los zu treten.

Wenn man vor allem der feuerspeienden Aktivität wegen eine lange Reise anstrengt, dann ist wenig bis keine Aktivität zu haben im ersten Moment sicherlich ziemlich schade, so aber blieb nach dem abgebrochenen Aufstieg genügend Zeit um die Inseln ausgiebig erkunden, erschnorcheln und die an diesen vulkanischen Ort zurückgekehrte Fauna und Flora wie bestaunen zu können.

Die Gewässer rund um den Krakatau sind abgesehen von den kräftigen Strömungen nicht nur exzellente Tauch- sondern auch Angelreviere. Keine Ahnung was für Fischarten im Minutentakt an Begleiter Digimons und meine Angel (Sehne mit Angelhaken) gingen, das Ausnehmen zumindest glich dem Sezieren des Roswell Aliens. Geschmacklich aber waren alle durch die Bank weg Fische einfach nur verdammt lecker. In kürzester Zeit holten wir sage und schreibe 4 Kilogramm frisch gefangenen Fisch aus den Fluten welcher dann auch sofort am schwarzen Strand überm offenen Lagerfeuer gegrillt wurde.

Der Vulkan schien durch den Rauch unseres Feuers inspiriert und ließ Exhalationen frei, die man locker noch in 1-2 Kilometer Entfernung riechen konnte. Gestank hin oder her, im Licht der Morgen- und Abenddämmerung zeichnen vulkanische Gase und feine Aschepartikel feinste surreale Farben in den Himmel und kreieren eine romantische Stimmungen denen sich selbst militanteste Fantasiegegner nicht entziehen können. Derart gestärkt mit Fisch und optisch verwöhnt ließ es sich herrlich unter’m offenen Sternenhimmel und unweit vom Vulkan entfernt einschlafen. Campieren tut man übrigens wenn dann auf den Inseln Sertung, Rakata oder aber auf der Vulkaninsel direkt. Die Anordnung, Lage und Durchmesser des kleinen vier Inseln umfassenden Archipels lässt übrigens auf die einstige Ausdehnung des ehemaligen Krakataus schließen.

Das Angeln war bereits ein klarer Indikator für den Fischreichtum des Vulkaninselarchipels und selbst am schroff-felsigen Fuß des Vulkans ist die Dichte der submarinen Fauna erstaunlich hoch. Taucht man ab, fallen einem sofort die unter Wasser auskristallisierten, giftig-gelben und steinharten Schwefelstrukturen auf. Erstaunlicherweise werden sogar diese von Weichkorallen und Schwämme bei der Wohnungssuche berücksichtigt und über kurz oder lang besiedelt. Am gruseligsten jedoch wirken die direkt auf schwarzem Meeresboden siedelnden Weichkorallen, die wie eine Armee vieler im Wasser vor sich hinwabernder menschlicher Hirne aussieht.

Die Unterwassergärten am Fuße der großen Rakata-Felseninsel aber, dem größten Überbleibsel vom einst explodierten Vulkan, sind die schönsten. Die Fülle an Fischen ist dort ist so hoch und divers, dass ein Sushi-Koch locker feuchte Träume bekommt. Mit ein wenig Glück entdeckt man in der einen oder anderen Anemone weiter draußen Goldschwanz-Anemonenfische, die aufgeregt gegen die Strömung ankämpfen während sie mürrisch den ständig aufs Neue abtauchenden Schnorchler beäugen.

Weiter in Ufernähe, in flacheren Gewässern ist dann einer der berühmtesten Fische überhaupt zu Hause und mit ein bisschen Glück entdeckt man ihn, Nemo. Leider sorgte Disneys Animationsfilm dafür, dass die im Film gezeigten Clownfische Nemo & Marlin nicht dem wissenschaftlich korrekten Titel Falscher Clownfisch zugeordnet wurden. Ein echter Clownfisch zumindest unterscheidet sich von der Zeichentrickfigur z.B. in der Flossenform. Egal, die Freude ist groß wenn man die kleinen Burschen umher wuseln sieht und sie durch die Tentakel der Anemone surfen wie Kelly Slater. Mehr in Sachen Clown- und Anemonenfische gibt es hier zu sehen.

Ein anderes Merkmal des Anak Krakatau ist dessen Hang zu Phreatomagmatismus was sich neben erschütternden Eruptionen auch in Bimsstein ausdrückt, welcher zu tausenden als weißer und schwarzer poröser Stein auf allen Inseln des kleinen Archipels verteilt liegt. Er entsteht wenn kleinere Lavafetzen durch Kontakt mit Wasser(-dampf) aufgeschäumt und das darin enthaltene Gas freigelassen wird. Chemisch unterscheidet sich Bims daher nicht sonderlich von echter Lava, allerdings ist er der geringen Dichte wegen wesentlich leichter und kann sogar schwimmen. Bei den auf der Vulkaninsel anzutreffenden Lavabomben ist das anders. Die sind durch und durch massiv und teilweise so groß, dass sich klein Digimon in einem durch eine Bombe geschlagenen Krater fast komplett verstecken kann. Poltert einem solch ein Brocken auf die Zwölf, braucht kein Arzt mehr gerufen werden.

Der Krakatau-Archipel ist ein Nationalpark. Auf der eher ruhigen nördlichen Seite der Vulkaninsel haben die Ranger Stellung bezogen. Die Maschinenpistole lässig in eine Astgabel geklemmt ergötzen sie sich in schier endlos erscheinenden Kartenspielen. Allzu gern hätte ich mit denen ne Runde Skat gekloppt, wie aber bringt man einem Indonesier das Reizen bei? Ihnen Mau-Mau beizubringen war hingegen einfach und ich bin mir sicher, dass diese Runde auch heute noch am Fuß des Krakatau, auf der anderen Seite der Welt, Mau-Mau zockt und Käpt’n durch seine Zahnlücke knurrt, wenn er gerade mal wieder von der Gegenseite mit einer 7 oder einem Ass bedacht wurde.

Musik: 1.) Danny Howells & Stef Vrolijk – Phono Corono (Break Free), 2.) The Black Dog – D.O.G. Style
Nach vier Tagen am Vulkan, unzähligen Unterwassererlebnissen, viel gegrilltem Fisch und umso mehr Kartenspielen, steuert Käpt’n das Boot wieder durch die Wellen gen Carita, dem Ausgangspunkt für Reisen zum Anak Krakatau. Einen Vulkan und seine Natur kann man also auch anders erleben.
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