Tongariro – Der Filmstar unter den Vulkanen

Das Durchqueren des Tongariro Vulkanmassivs, der so genannte Tongariro Alpine Crossing, ist wohl der bekannteste Wanderweg Neuseelands und das nicht erst seitdem es zu einer der Hauptkulissen des epischen Filmdreiteilers „Der Herr der Ringe“ erwählt wurde. Wo im Film Frodo versucht den Ring in den Vulkan zu werfen, tummeln sich am Fuß des pittoresken Ngauruhoe Vulkankegels in der realen Welt unzählige Touristen, internationale wie heimische und wandeln zwischen schroffen Lavabrocken zum Red Crater, den Emerald Lakes oder hinauf zum Blue Lake.

Der Tongariro ist ein aktiver Vulkan der Taupo Volcanic Zone. Sein exponiertes Massiv ist zusammen mit dem Ruapehu schon von weitem sichtbar und zieht neben Wolken vor allem Besucher magisch an. Am wohl imposantesten des gesamten vulkanischen Ensembles ist der nahezu perfekt konische Vulkankegel Ngauruhoe, der Filmfans eher unter dem Namen Mount Doom geläufig sein wird. Die Querung dieses Massivs ist einer der Great Walks und es gibt wohl keinen Neuseeland-Touristen der nach der Wiederkehr sagen kann dies nicht gemacht zu haben.

Vom Besteigen des Mount Ruapehu zurückgekehrt, lege ich erst einmal eine Nacht Pause ein. Dennoch reißt es mich gen Abend vom Hocker, denn der Sonnenaufgang der das Tongariro Vulkanmassiv anmalt, ist schlichtweg atemberaubend. Erst erscheint der Feuerberg schroff und abweisend dunkel, wird dann aber von der Sonne sukzessive goldgelb bis orange getönt. Das trockene Land zu seinen Füßen befeuert diese Farben zusätzlich.

Dann streifen kleine Wolken über seinen Krater und werden vom sinkenden Zentralgestirn so illuminiert, dass sie rot erstrahlen und Mount Doom zum Leben erwecken als würde er Feuer speien. Als dieses kurze Feuerwerk vorüber und nur noch Restlicht in der Atmosphäre vorhanden ist, zeigt sich der Vulkan im Kleid feinsten Violetts und sieht mehr nach Hello Kitty denn Doom (Verderben) aus. Ein optischer Hochgenuss!

Das Bewandern des Vulkanmassivs beginnt für mich tags darauf mit Warten, langem Warten. Der Andrang ist in der Regel immer groß und der Parkplatz klein, daher sperrt das Department of Conservation (DOC) regelmäßig, manchmal sogar bereits kurz nach 7 Uhr die Zufahrt. Und genau dort warte ich. Ich bin nicht der Einzige, und so lernt sich diese Zweckgemeinschaft schnell kennen, ich quatsche z.B. mit einem dänischen Doktor der nach Neuseeland auswanderte und immer noch mit diverser Bürokratie hadert.

Insgesamt warten wir mehrere Stunden um den Parkplatz am Ende der Mangatepopo Road nutzen zu können. Warum warten wir? Nun ja, weil wir nach der Wanderung nicht noch die zusätzlichen 7 Kilometer zurücklegen wollen, nicht der Distanz sondern der sehr staubigen Straße wegen. Es gibt aber auch (kostenpflichtige) Shuttle-Busse die zwischen dem Beginn des Wanderwegs und den bekanntesten Unterbringungen bzw. dem benachbarten Whakapapa Village verkehren.

Das Zusammenstellen der Ausrüstung ist essentiell, sowohl in Sachen Fotografie als auch in erster Linie bezüglich der Kleidung. Es gibt genug Hampelmänner die dem Wort „Alpin(e)“ wenig Respekt zollen und regelmäßig wegen falschen Schuhwerks mit verknackstem Knöchel oder vor Kälte bibbernd auf dem Kraterrand stehen und hilfloser drein gucken als ein Hund auf dem Weg zum China-Restaurant.

Viele Touristen meinen der Anstieg sei anstrengend. Jemand der Vulkane normalerweise über Geröllfelder, gespickt mit abrutschendem Material oder scharfkantiger AA-Lava erklimmt, schmunzelt über den Tongariro Alpine Crossing, denn infrastrukturell und auch von den Wegweisern her ist er bestens ausgebaut. Mich würde es nicht wundern dort oben Rollstuhlfahrer anzutreffen. Egal ob auf oder ab, die ersten Kilometer meistert man im Handumdrehen.

Auch wenn der Ngauruhoe nicht sonderlich aktiv ist – am nördlichen Kraterrand zeigt sich ab und zu eine Fumarole – so ist er ziemlich pittoresk. Er ist es, der Alles überragend die Szenerie dominiert. Egal ob gerade ein leicht beschürzter Tourist sein Antlitz durchquert oder nicht, bereits das Stehen auf dem Sattel zum Red Crater avanciert der Formen und Linien des Ngauruhoe und des Main Craters wegen zum lupenreinen Augenschmaus, auch für Altgediente.

Das i-Tüpfelchen bilden die Wolken die in den Himmel getupft von West nach Ost, der Hauptwetterrichtung folgend, über das Gelände ziehen. Sie sind willkommen. Fotografisch lockern sie die Szenerie auf, ihre Schatten kreieren Kontraste sowie Lichtflecken und gegen ein wenig Verschonung vor der brennenden Sonne hat in einer derart exponierten, vulkanischen und vegetationslosen Wüste wohl niemand etwas auszusetzen.

Der Ngauruhoe ist technisch gesehen ein Kegel der vor ~2500 Jahren aus dem Tongariro-Massiv erwachsen ist, das Massiv besteht also aus einer Vielzahl vulkanischer Erscheinungsformen. Nach dem Hauptkrater, sprich dem umwandeten Becken am Fuß des Ngauruhoes, kommt der Anstieg zum Red Crater der, wenn man ihn erklommen hat, stark durch sein farbenfrohes, primär rotes Gestein beeindruckt.

Seine Abgründe sind spektakulär und vielen Menschen stockt der Atem denn es geht schon mal hundert Meter steil in die Tiefe. Den inneren Kraterwänden entweichen die ersten Spuren post-vulkanischer Aktivität, seien es auch nur schwefelwasserstoffbelastete Wasserdampfschwaden. Für Kurzbesucher ist dort oben Schluss denn laut DOC würden sie es nicht mehr in ausreichender Zeit zum Parkplatz zurückschaffen. Wer die Übernachtung in einer der Hütten gebucht hat, kann die Emerald Lakes nach Erstürmen des Red Craters allerdings näher und nicht nur von oben in Augenschein nehmen.

Auch dort, in unmittelbarer Nachbarschaft der Emerald Lakes, faucht es schweflig aus der Erde, sogar stärker als im Red Crater. Wer mag kann nach den drei Emerald Lakes zur Otuhere Hütte marschieren oder nach einem kurzen Anstieg noch den Blue Lake besuchen. Dort ist aber ist wirklich Schluss mit Wandern…,

…, denn dem Wanderweg ist ein temporäres Ende gesetzt da die nördlichen Te Māri Krater aktuell eine erhöhte Aktivität aufweisen, was das Department of Conservation veranlasste die klassische Route mit Abstieg über Ketetahi zu sperren. Gern hätte ich die Aktivität – dicke große, teils explosive Fumarolen – detailliert aus der Nähe fotografiert und gefilmt, allerdings verpetzen die Piloten der ständig die Ruhe zersägenden Rundflüge alle „Eindringlinge“ ans DOC und wieder im Tal angelangt, wird man – egal ob exzellent ausgerüsteter, wissender Profi oder aber Laie – mit einer saftigen Geldstrafe belegt.

Ok, ob der Tatsache auf ein strunzdummes Paar aus dem „Land of the Free“, dem Demokratie-Exporteur Nummer eins, den USA, gestoßen zu sein welches ihren Rüssel erst einmal tief in die Fumarolen an den Emerald Lakes hält und sich dann wundert, warum es ihnen anschließend ziemlich schlecht geht, hat die Sperrung des Wegs durch die Te Māri Krater ihre Daseinsberechtigung. Die Fumarolen an den Emerald Lakes sind auf den ersten Augenblick schwach, aber man weiß nie genau was aus dem vulkanischen Boden empor steigt und in welcher Konzentration.

Für mich geht es nach dem Passieren der Emerald Lakes zur Oturere Hütte wo ich übernachten werde. Der Weg durch die Lavaruinen scheint endlos zu sein. Dort kurz vor Sonnenuntergang endlich angekommen, ist Deutschland aber schon da. Unglaublich aber wahr, 70% der Wanderer sind deutscher Herkunft, den Rest teilen sich Frankreich und die zuvor erwähnten Amis. Neuseeland steckt voller deutscher Touristen, man möchte fast meinen Schäuble hat daheim keinen Einzahler mehr wenn mal wieder ein Rettungsschirm aufgespannt werden muss.

Bevor es ins Bett geht schenkt uns die Sonne aber noch einen schönen Sonnenuntergang mit rot angestrahlten Eiswolken und der darauf folgende Abend wird eine wahre Hüttengaudi. Unter anderem entscheide ich mich am nächsten Tag die französischen Mädels zum Whakapapa Village zu begleiten um von den beiden dann zu meinem Auto wieder mit mitgenommen zu werden. Zeitlich gesehen wäre ich mit dem Queren des Vulkans schneller gewesen, aber das Wetter war vom Licht her eh nicht so der Knaller und die zweite Route bot außerdem Frischwasser als auch neue Perspektiven.

Das Frischwasser in den Bächen südlich des Tongariro kann man bedenkenlos trinken. Es schmeckt wesentlich besser als das nach Swimmingpool schmeckende Wasser einer Aufbereitungspille, es enthält aber auch relativ viele Sulfite, die Durchfall provozieren können. Die Wolken am zweiten Tag sind dichter, es ist frisch, sobald sich die Sonne aber durch das ein oder andere Loch kämpfen konnte wird es ziemlich warm.

Die Mädels ziehen sich alle Nase lang um. Ich hingegen trage Merino-wollene Layer sehr atmungsaktiv sind, sonst aber wärmen wenn sie wärmen sollen. Merino-wollene (Unter-) Wäsche, eines der besten Dinge aus dem Land der Kiwis!

Die Schwielen an meinen Füßen müssen mittlerweile wohl zentimeterdick sein. Der verdammte Weg ist zwar nicht so steil, daher nicht allzu hart, aber er nimmt einfach keeeeein Ende… Und schon wieder geht es hoch, dann wieder runter. Nahezu lethargisch stapfe ich durch den Busch, aber dann tauchen am Horizont endlich die Hütten es Whakapapa Village auf und man schöpft wieder Hoffnung. Die Mädels bringen mich zu meinem Auto am Ende der Managatepopo Road und es geht wieder zurück in die Zivilisation.

Das Wetter schenkt mir zum Abschied nochmal einen genialen Sonnenuntergang, mit massigen Wolken direkt über dem Vulkanmassiv die sich final sogar zur untertassenartigen Sturmhaube formieren. Wieder glüht der schwarze Vulkankegel angemalt vom abendlichen, sinkenden Zentralgestirn und all das mit nahezu Vollmond. Was für ein Abschied…
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