Doubtful Sound – Der Fjord wo Albatrosse steil gehen

Der Doubtful Sound ist einer der großen imposanten Fjorde an der Westküste der neuseeländischen Südinsel. Anders als der bekanntere Milford Sound ist er verwinkelter, hat sogar kleine Inseln und anders als Norwegens Fjorde sind seine steilen Wände gänzlich unbewohnt. Normalerweise hängen dichte Wolken zwischen seinen Schluchten und regnen sich ab, doch der Sommer 2013 war für auch für den Doubtful Sound ein sehr trockener. Den wilden Albatrossen an der Fjordmündung scheint das egal. Majestätisch und zeitlos ziehen ihre Bahnen durch den Himmel und haben ihre ganz eigene Wasserversorgung. Diese gefiederten Kerle mühelos über die Wellenkämme gleiten zu sehen ist das wohl erhabenste Naturerlebnis Südneuseelands.

Eigentlich beginnt diese Geschichte am Lake Te Anau, dem Eingang zum Milford Sound, dem wohl bekanntesten Fjord, aber irgendwie gefiel mir die Gegend um Manapouri, am Lake Manapouri, dem Tor zum Doubtful Sound, wesentlich besser und auch die Preise in Sachen Unterbringung waren nicht derart überwürzt wie es weiter nördlich der Fall war. Die Suche nach einer Übernachtung führte mich glücklicherweise ins Lake Side, wo eine alte Dame, die junge Kerle auch schon mal mit „Fella“ (=Kumpel, Keule, Kerl oder Atze) anredet, den Laden schmeißt.

Auf den Fjord rauszufahren und dort zu übernachten brachte ich im ersten Moment nicht unbedingt mit dem Attribut preiswert in Verbindung. Den ganzen Weg gefahren, dann aber des Geldes wegen nicht vollends ins Erlebnis abgetaucht zu sein, hätte ich rückblickend betrachtet ziemlich bereut. Fjordtouren werden sowohl am Milford als auch Doubtful Sound angeboten und natürlich gibt es sowohl Individualtouren als auch Massenabfertigung. Besagte ältere Dame vermittelte mich an Deep Cove Charters und legte mein Fjordabenteuer in die erfahrenen Hände von Kapitän Chris nebst Sohn und Smutje Travis.

Die Reise beginnt zunächst mit einer Fährfahrt über den Lake Manapouri, dessen bergige Kulisse allen schon mehr als ein Hingucker ist. Lake Manapouri und der nördliche Lake Te Anau (vom Volumen her immerhin der zweitgrößte See Neuseelands) haben ordentlich Wasser verloren. Die Ufer beider Seen sind von kleinen Kieselsteinstränden geprägt die eigentlich vom kühlen Nass bedeckt sein müssten. Neuseeländische Zeitungen sind dünn und es ist schon eine Meldung wert wenn sich drei Schafe irgendwo die Hufe einklemmen, das Titelblatt aber verkündet, dass Lake Te Anau so viel Wasser verloren hat wie noch nie. Der Sommer 2013 wird den Neuseeländern definitiv in Erinnerung bleiben.

Und auch in den Fjorden hinterlässt die Hitze ihre Spuren. Natürlich ist es für uns Touristen großartig wenn die Sonne scheint und man sogar baden gehen kann, die Wasserfälle für die der Doubtful Sound berühmt ist sind allerdings eher ein Schatten ihrer selbst. Und auch mit den Wolken verhält es sich merkwürdig. Normalerweise hängen sie tief zwischen den Fjordfelsen und verbreiten Mystik pur. Dieser Tage aber werden sie von der Sonne weggebraten und sind spätestens am späten Vormittag gänzlich verschwunden.

Kaum aus der Fähre ausgestiegen stürzen sich die Sand Flies auf den zweibeinigen Bootsinhalt. Man wie ich die Dinger hasse…! Ein Glück sackt uns Chris umgehend ein und wir fahren das kurze Stück zwischen Anlegestelle der Fähre und Beginn des eigentlichen Fjords. Dort liegt seine Yacht, ein aus Edelstahl gefertigtes, hochseetaugliches „Monster“. Ohne viel Federlesen legt Chis ab und bringt uns auf Kurs.

Wir dringen tief in die verwinkelten Seitenarme des Fjords ein. Zu fast jeder Stelle kennt Chris eine Anekdote. Sein Wissen über den Doubtful Sound scheint eine schier unendlich tiefe Zisterne von Geschichten zu sein. Am meisten horche ich auf wenn es um Erdbeben geht. Ja, auch dort unten wackelt die Erdkruste und mit einer Magnitude von 7 alles andere als schwach. Die dadurch verursachen Narben im Fels kennt Chris allesamt persönlich und stellt sie uns vor während wir ein sehr gutes Mittagessen genießen, sprich Languste bis zum Abwinken.

„Hat jemand Bock aufs Kajak fahren?“, frag Chris in die Runde und erhält meinerseits bereits vor Beenden der Frage ein begeistertes „Ja!“ Der Fjord wird umso magischer als Chris die Maschinen stoppt und weit und breit nichts zu hören ist außer dem Eintauchen des Paddels ins glasklare Wasser. Ein wunderschönes Erlebnis, das, wenn es nach mir ginge, nicht enden dürfte. Und bei derart schönem Wasser muss man einfach baden gehen. Es ist ein Heidenspaß durch die Kühle und Frische des Fjordwassers zu schwimmen, vom Deck der Yacht zu springen und einfach nur alle Viere gerade sein zu lassen.

Von Delfinen begleitet geht die Fahrt weiter denn Chris will uns unbedingt noch zur Mündung des Fjords in die Tasmanische See mitnehmen. Die kleinen der Mündung vorgelagerten Inseln sind Heimat einer kleinen Seebären und -löwenkolonie. Die Tiere liegen faul in der Sonne und bis auf den Nachwuchs interessiert unser vorbei schipperndes Boot niemanden. Neugierig guckt uns der wenige Wochen alte Kleine hinterher. Er muss aufpassen, denn Robben stehen ganz oben auf der Speisekarte der richtig großen Haie. An der Mündung des Fjords sollte man also trotz des schönen Wassers auf ein paar Schwimmzüge verzichten.

An der Mündung wird die See merklich rauer und der Gang der Wellen bringt die Yacht ordentlich zum Schaukeln. Plötzlich taucht am Horizont ein Flugkünstler auf. Albatrosse! Wie angezündet renne ich ins Innere und hole das Teleobjektiv. Mittlerweile ist der Vogel näher gekommen, es ist ein Weißkappenalbatros der uns neugierig umkreist. Seine fast 2,50m Spannweite sind bereits aus der Ferne betrachtet mehr als beeindruckend. Vogel um Vogel taucht auf, sie sauber zu fotografieren avanciert bei der Schnelligkeit der Tiere und DEM Wellengang aber zur lupenreinen Lotterie ohne Zusatzzahl…

Chris drückt meinen Reisebegleitern Angeln in die Hand, denn „es soll ja schließlich etwas zum Abendessen geben“ zwinkert er. Ich hingegen versuche die Albatrosse einzufangen, die wie aus dem Nichts auftauchen. Mittlerweile sogar andere Arten, wie die schwer zu unterscheidenden Buller-, Chatham- oder Graukopfalbatrosse.

Ersterer wurde nach dem neuseeländischen Ornitologen Walter Lawry Buller benannt und Zweiter wirkt durch ihre dunklen Augen und den dreieckigen Augenfleck auf den Mensch als besonders streng und ernst; man fühlt sich an den „Bösen Blick“ eines getunten Autos erinnert. Chatham-Albatrosse sind genau wie ihre Buller- und Weißkappen-Artgenossen gefährdete Arten.

Es ist wunderschön diese Tiere zu treffen. Ihnen gehört das Meer, nicht uns Menschen. Diese großartigen Tiere MÜSSEN einfach Spaß beim Fliegen haben, anders kann ich mir ihr wunderschönes Segeln durch die Wellenkämme der Tasmanischen See nicht erklären und wäre ich ein Albatros, ein tierischer Roter Baron, würde ich es nicht anders machen. Was sie lieben ist gegen den Wind anzufliegen, manchmal sogar zu zweit, dann seinen Auftrieb zu nutzen und sich kurz vor dem Boot so in den Wind zu stellen, dass man die komplette Größe ihrer Flügel sieht und sie für einen Augenblick förmlich in der Luft stehen bevor die Böen sie weitertragen. Albatrosse haben was den Flügel anbelangt einen Art knöchernes Scharnier. Sie können ihre Flügel so zu sagen einrasten und segeln so mit minimalstem Energieaufwand.

Meine Reisebegleiter ziehen Fisch für Fisch aus den Wellen, welche Chris binnen weniger Sekunden filetiert. Unglaublich wie der Kerl mit dem Messer umgehen kann. Zack zack sind nur noch Gräten und Haut übrig, etwas worauf die Vögel unglaublich scharf sind. Fast Food für Albatrosse sozusagen und mittlerweile tummelt sich gutes ein Dutzend Vögel in der Nähe der Yacht. Ich füttere sie und schnatternd bricht ein Wettkampf ums Futter aus. Wahnsinn!

Normalerweise heiße ich das nicht gut, denn es sind Wildtiere. Auf der anderen Seite schwimmt so viel Mist und Plastik im Ozean das es mir lieber ist sie bekommen etwas Anständiges, richtige Nahrung, richtigen Fisch und nicht etwa ein altes Fischernetz dessen im Ozean treibender verwitterter Rest wie ein Kalmar aussieht.

Manche Arten verbringen 60-70% ihres Lebens auf offener See, sogar mehrere Jahre am Stück segeln und gleiten sie durch den Himmel über den südlichen Meeren. Der obligatorische Wassertropfen am Schnabel lässt Albatrosse immer ein wenig aussehen als ob sie Schnupfen hätten, doch es ist hochkonzentrierte Salzlake. Die Vögel können aus dem Ozean trinken denn sie besitzen hinter ihrem Hirn ein Organ zur Entsalzung von Meerwasser und das Endprodukt dieser Entsalzung wird dann wieder über die Nasenlöcher ausgeschieden. Albatrosse, eine an ihren Lebensraum hochangepasste Spezies. Sie zu treffen war für mich die mit Abstand schönste Begegnung mit den wild lebenden Tieren Neuseelands.

Leider ist es Zeit Königen der Lüfte auf Wiedersehen zu sagen. Mittlerweile schwebt die Sonne über dem Horizont, die Wolken umarmen das Mündungsgebiet des Fjords und Chris sucht einen Ankerplatz zum Übernachten. Den hat er schnell gefunden, zuvor leert er allerdings noch ein paar Fangkörbe für Langusten. Manche der Krustentiere sind echt verdammt dicke Brocken. In einige der Käfige verirrt sich auch mal ein Aal, den Chris dezent und ohne groß zu berühren in einen Eimer fallen lässt. Er verzieht das Gesicht. „Bäh, diese Viecher produzieren unglaublich ekligen Schleim wenn man sie anfasst.“ Zwinkert dann aber Stirn runzelnd hinterher, „Naja, die Japaner kochen Suppe daraus…“ – welch wunderbar gewählte verbale Einleitung des folgenden Abendessens ^^

Travis hat den Tisch gedeckt und neben dem frisch geangelten Fisch unglaublich guten Hirschbraten serviert. Derart kulinarisch verwöhnt setze ich mich an Deck und beobachte den Sonnenuntergang. Eine himmlische Ruhe herrscht im Fjord. Es sind ein paar mehr Wolken unterwegs, aber nichts Regnerisches. Irgendwann fallen die Äugelein zu und es geht in die Koje. Der Sonnenaufgang am nächsten Tag gestaltet sich nicht minder schön. Fast glasklar und ohne Wellen liegt das Wasser zu unseren Füßen, es mischt sich aber auch Abschiedsschmerz in die morgendliche Ruhe.

Auf dem Rückweg zur Anlegestelle sieht Chris plötzlich einen kleinen Kopf aus dem Wasser lugen. Ein Pärchen Dickschnabelpinguine, die Maoris nennen sie Tawakis, sie sind aber auch als Fiordland-Pinguine bekannt, ist auf der Jagd nach Frühstück. Vorsichtig steuert er die Yacht in Richtung der Tiere. Die lassen sich von uns nicht beeindrucken, gehen dann aber an Land und verschwinden im Dickicht einer der Inseln.

Das war unsere letzte Begegnung mit den wilden Tieren des Doubtful Sounds. Danach geht es wieder zurück mit der Fähre nach Manapouri, wo wir zwar alle wieder unsere eigenen Wege gehen, aber auf ein wirklich wunderschönes gemeinsames Abenteuer zurückblicken können. Neuseeland ist nicht billig und das war auch die Fjordtour nicht, aber sie war jeden Cent wert, von der Unterbringung übers Essen bis hin zu den einmaligen Eindrücken! Danke Chris, Travis und Diane von Deep Cove Charters.
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