Tonga – Wo die Zeit beginnt

Was haben das Inselreich Tongas und ein 20 Kilovolt-Elektrokabel gemeinsam? Richtig, beides ist spannend und beachtlich isoliert, denn das 136 Eilande umfassende Königreich ist die einzige polynesische Inselgruppe, die vom Westen nie kolonialisiert wurde. Der früher auf den Namen „Freundschaftsinseln“ hörende Archipel liegt am bis zu 10,8 km tiefen Tongagraben; einer Verwerfung, wo sich die pazifische unter die australische Platte schiebt und nahe dem 180. Längengrad – der internationalen Datumsgrenze – wo man als einer der Ersten auf dem Planeten das neue Jahr begrüßen kann. Da der weiße Mann dort nur wenig seine Finger im Spiel hatte, konnten einzigartige polynesische Kulturgüter wie z.B. der Ha’amonga Trilith überleben. Gern nehmen die Einwohner den „palangi“ an die Hand und zeigen ihm Highlights wie die Blow Holes, Flughunde oder die magische Anahulu Cave, einer Tropfsteinhöhle mit einem glasklaren kleinen Süßwassersee zum Baden.

Es ist kurz nach 19 Uhr. Die Stewardess öffnet die Tür des Fliegers. Gackernd scheucht eine Henne ihre Küken über das Rollfeld. Während ich die 737 verlasse, laufe ich förmlich gegen eine Wand aus tropischer Schwüle; was selbst auf dem kurzen Weg hinüber zum Empfangsgebäude sofort die Schweißproduktion in Gang setzt. Ich betrete das Flughafengebäude wo sich bereits alle angestellt haben um ihren Pass gestempelt zu bekommen. Das Surren der Lüfter und das schmatzende Schnalzen der Geckos versüßen uns das Warten. Die Luftfeuchtigkeit ist atemberaubend und brachte selbst die über mir hängende Uhr zum stehen. Stoisch zeigt sie selbst heute noch immer 5:21 Uhr an.

Der Flugplatz ist gute 20 Kilometer von der Hauptstadt Nuku’alofa entfernt, wo mich bereits bereits Ben erwartet, ein vor dem ersten Golfkrieg geflohener Perser. Der Typ ist ein Pfundskerl; jemand, der polynesische Freundlichkeit und arabische Gastfreundlichkeit lebt und vereint. Bei ihm bleibe ich. Kaum bin ich eingeschlafen, erschrillt der Ruf eines Hahns, der um 1 Uhr nachts der Meinung ist den Morgen gesichtet zu haben. Schlagartig ist die gesamte Hühnerschaft der Insel auf Alarmstufe Rot und man selbst hat innerlich bereits begonnen den Grill anzuheizen um das Gegacker final zu stoppen.

Ist sich das Geflügel sich einig um 2 Uhr nachts kein Tageslicht entdeckt zu haben, zetteln zwei oder mehr Katzen garantiert irgendwo eine Klopperei an auf das die Fetzen fliegen. Sind keine Katzen da, übernehmen Hunde diese Aufgabe bereitwillig. Dieses Spielchen wiederholt sich, gern mehrfach, gern auch in den Folgenächten. Wieder ist man wach. Wieder fällt man in den Halbschlaf. Wieder findet die Erholung jäh ein animalisches Ende.

Tags darauf leiht mir Benny mit den Worten „Never, Florian, please never park under a Coconut Tree!“ sein Auto, so dass ich die Hauptinsel Tongatapu erkunden kann. Sie ist zwar nur 30km breit, aber die Distanzen läppern sich. Alles zu Fuß zu erkunden würde sehr viel Zeit benötigen. Meine erste Anlaufstelle ist der Ort wo 1643 der Holländer Abel Tasman den Tonga-Inseln einen ersten Besuch abstattete.

Er war es, der die Inseln entdeckte, James Cook hingegen war derjenige der eine stabile Beziehung etablierte, die Inseln kartierte und sie danach mehrfach besuchte. Er war es, der Tonga auf den Namen „The Friendly Islands“ taufte und damit den Charakter der Inseln auf den Punkt brachte. Nun sind die Orte wo die westlichen Segler aufschlugen nicht sonderlich pittoresk, bei Cook ist es ein Gedenkstein nebst nackt-funktionalem Betonkai, dennoch aber fühlt man dort förmlich den Hauch der Geschichte.

Die Kolonialisierung und Missionierung der Südsee zerstörte viele Kulturgüter. Eines der bedeutendsten Überbleibsel ganz Polynesiens ist im Osten der Hauptinsel Tongatapu zu finden, der Ha’amonga Trilith; ein aus massivem korallenem Kalkstein, gut 5 Meter hoher dreiteiliger Torbogen, der vor über 700 Jahren errichtet wurde und dessen Einzelelemente bis zu 40 Tonnen wiegen. Genau wie Stonehenge diente er auch der Beobachtung des Himmels. Schon verrückt, dass zwei von einander isoliert lebende Kulturen ein Instrument zum gleichen Zwecke errichteten. Im Hinterland des Trilithen findet man einen großen Stein, den „maka faakinanga“, den Stein zum Anlehnen, der dem König als Thron und als Schutz des Rückens vor Attentätern diente.

Auf der Fahrt über die Hauptinsel muss ich immer wieder Kokosnüssen ausweichen, denn setzt man ein Auto in voller Fahrt auf eine der Früchte, kann das durchaus mies enden und auch das Parken im Schatten einer Palme birgt so sein Überraschungspotential :-) Beim Blick aus dem Autofenster und tags darauf beim Radeln fallen mir immer wieder die bunt dekorierten Hügelgräber auf. Diese Form der Totenehrung zieht sich durch den gesamten Südpazifik, mal mehr und mal minder farbenfroh aufgehübscht.

Im Osten der Insel angekommen, reichen ein Blickkontakt und ein Lächeln aus um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Sie nehmen mich an der Hand und zeigen mir eine Tropfsteinhöhle in der man in einem kleinen Süßwassersee schwimmen kann. Die ausschließlich von Kerzen beleuchtete Höhle – Anahulu Cave genannt – beschert mir den ersten echten Südseemoment. Es ist einfach grandios lachend und voller Übermut von den Tropfsteinen in das beachtlich tiefe, aber glasklare Wasserloch zu springen. Dabei muss man tierisch aufpassen sich an den Stalagtiten nicht den Kopf zu stoßen :-)

Teilweise ist die Höhle zappenduster, Blende 1.4 und ISO 6400 ist angesagt. Die Tongaer grüßen immer und überall. Allerorts wird der Weiße, der „palangi“, freundlich und vorurteilsfrei empfangen. Man surft förmlich auf einer Welle der guten Laune. Diese Energie spüren zu dürfen, ist ein Geschenk unermesslichen Wertes und Lichtjahre entfernt vom kühlen westlichen „Miteinander“.

Unbemerkt ein Foto schießen? Ein Ding der Unmöglichkeit, denn als ‚Palangi‘ wird man immer entdeckt und dann wird posiert :-) Was ok ist, denn es zeigt das es keine Berührungsangst gibt, weder vor dem Fremden, noch vor dem Foto. Viele Menschen bedanken sich aufrichtig dafür fotografiert worden zu sein, wobei eigentlich ich derjenige bin der zutiefst dankbar ist.

So viel Baden macht Hunger, den man im „Fiesta“ in der Salote Road mit dem besten Seafood stillen kann, dass es im Umkreis von 1000km zu bekommen gibt. Die lokale Spezialität heißt ‚Oto Ika und ist roher fester Fisch, z.B. Thun oder Marlin, mariniert in Kokosmilch mit Chili, Knoblauch und Gemüse, meist Paprika und Tomaten. Ein simples aber oberleckeres Abendessen an diesem Silvestertag.

Und dann rückt die 0-Uhr-Marke unweigerlich näher. 99% der Tongaer finden sich in den Kirchen ein und fangen an zu singen. Die Wucht und Schönheit der Gesänge mich rührt zu Tränen, genau wie damals in Rabaul (Papau-Neuguinea). Genau das wollte ich, einen Jahreswechsel fernab der Berliner Idioten, die das neue Jahr lieber von Böllern getrieben und hart an der Verletzungsgrenze wandelnd verbringen statt in positiver Stimmung. Ich bin dankbar einer der wenigen auf dem Planeten sein zu dürfen, die das weltweit erste Sonnenlicht eines neuen Jahres erblicken dürfen.

Doch der kirchliche Weg hin zum 0 Uhr Neujahrsgeläut ist laaaaaaang und zäh. Unzählige Redner treten ans Pult und massieren ihren betonungslosen verbalen Sulz in die versammelte Hörerschaft ein; vergleichbar mit tausenden Joachim Gaucks die nacheinander ihr pastorales Obergeschwurbel zum Tag der Deutschen Einheit ablassen. Es dauert nicht lange und die gesamte Gemeinde schnarcht herzhaft vor sich hin, solange, bis das nächste Lied angestimmt wird, welches immer mit vollster Hingabe geschmettert wird. Kurz vor Mitternacht ist der Bann des Schlafs aber gebrochen und ein großartiges, inselweit hörbares Gemurmel beginnt. Jeder lässt in Einzelgebeten das alte Jahr Revue passieren oder wünscht sich etwas für das neue Jahr. Eine Stimmung nicht von dieser Welt…

An den folgenden Tagen geht es mit dem Fahrrad auf Tour. Der Titel „Beach Cruiser“ stellt dabei bereits die Komfortobergrenze des Drahtesels dar, denn so ziemlich alles was an einem Zweirad kaputt sein kann war gelinde gesagt auch im Arsch… Das Sattelrohr bohrte sich bei jeder Bodenwelle stählern ins Rückenmark und die Verlässlichkeit und Kraft der Bremse schien sich reziprok zu den bereits zurück gelegten Kilometern zu verhalten.

Dennoch brachte mich dieses zweirädrige Himmelfahrtskommando irgendwie nach Kolowai, in den Westen Tongatapus, wo in den Wipfeln der Tao Bäume, direkt neben der Straße, Flughunde den Tag verbringen. Das Gezeter der Tiere hört man schon von weitem und ab und zu schwingt sich auch mal einer in die Lüfte, dennoch bin ich erst einmal großzügig daran vorbei gefahren da die Tiere vom Boden nicht so ohne weiteres zu sehen sind.

Weiter ging es zu den südlich gelegenen Blow Holes bei Houma, wo der ewig anbrandende Ozean in die Hohlräume der Küstenfelsen eindringt und die Luftverdrängung das Wasser des Pazifiks gen Himmel schießen lässt. Dieses zeitlose Schauspiel lädt zum verweilen ein, verdeutlicht die zeitlose Kraft des Meeres, macht aber irgendwie auch Lust aufs Baden. Die vielerorts rasiermesserscharfen Felsen der Küste Tongatapus lassen das ins Wasser gehen leider nicht überall zu. Barfuß würden die Felsen einem die Füße ruinieren und alles aufschlitzen. Richtig schöne Strände gibt es wenn dann nur im Osten Tongatapus, und mang den scharfen Felsen kann man wenn dann nur im Süden baden gehen, in der Nähe der Hufangalupe Land Bridge.

British Airways war leider nicht pünktlich, weshalb mein Tonga-Abenteuer kürzer als geplant ausfiel. Für mich ging es weiter auf die Fidschi-Inseln wo ein neues Abenteuer auf mich wartete.  Unbewusster Weise nahm ich so vor einer heran nahenden Katastrophe Reißaus, dem Zyklon „Ian“, der Tonga am 11. Januar 2014 mit Windspitzen von bis zu 285km/h traf, schneller als ein ICE. Er ist damit einer der stärksten je auf der Südhalbkugel wütenden Zyklone und radierte einige der Ha’apai Inseln aus.

So viel zu den Minderbemittelten die den Klimawandel wegdiskutieren. Diesen Dummköpfen sei gesagt: Es gilt der Energieerhaltungssatz. Die Summe aller Energien in einem geschlossenen System ist immer die gleiche. Komplett geschlossen ist die Erde nicht, aber wenn der Mensch Energie aus dem Boden holt und diese im großen Stil verfeuert, dann verschwindet diese nicht so einfach; sie kommt in anderer Form zurück. Wir haben definitiv Einfluss auf die Entwicklung des Klimas genommen und den Friendly Islands somit keinen guten Start ins neue Jahr beschert…
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