Die Tölpel vom Cape Kidnappers und der Trans-Tasmanische Flug

Seevögel sind kleine Wunderwerke der Evolution und Neuseeland beheimatet viele von ihnen, unter anderem die zweitseltenste Tölpelart, den australasischen Tölpel. Dieser kleine gefiederte Kerl ist voll und ganz auf seinen Lebensraum angepasst, ein pfeilschneller Jäger und exzellenter Segelflieger. Am Muriwai Beach und am Cape Kidnappers nistet er beobachtbar. In der Hawke’s Bay verbrachte ich zwei Tage mit den Meisterfliegern, deren Erwachsenwerden mit einem lebensbedrohlichen Abenteuer startet, dem Trans-Tasmanischen Flug.

Ich liebe Seevögel, daraus mache ich keinen Hehl. Das stetige Treiben in ihren Kolonien ist zeitlos und alles andere als langweilig. Diese kleinen Kerle trotzen den widrigsten Wetterbedingungen, Fressfeinden und den rauen Situationen auf See, während der Großteil der Menschheit den Schwanz einzieht und ob der klimatischen Bedingungen anfängt selbst in einer sicheren Behausung wohnend rumzujammern. Diese Vögel leben im Einklang mit der Natur, fangen genauso viel Nahrung wie sie zum Leben brauchen und gefährden ganz anders als wir Menschen ihren Lebensraum nicht.

Neuseeland hat neben omnipräsenten Kormoranen und den Albatrossen im Fiordland-Nationalpark (auch auf der Otago Halbinsel beheimatet) noch andere Gebiete wo sich ganz spezielle Seevögel dauerhaft niedergelassen haben. Die Rede ist vom australischen oder australasischen Tölpel, der trotz seines Down Under bezogenen Namens eher der Fauna Neuseelands denn Australiens zuzuordnen ist, denn dort, im Reich der Kiwis, hat er mit einem Anteil von ~90% an der Gesamtpopulation sein weitaus größeres Vorkommen. Interessant ist, dass der Tölpel weltweit nur von Deutschen und Polen als Tölpel, und damit Dummkopf oder dummer Vogel (bzw. auf polnisch głuptaków), bezeichnet wird. Dumm sind diese kleinen Kerle definitiv nicht…

Der Australtölpel kann bis zu einem knappen Meter groß werden, wobei seine Flügelspanne sogar bis circa zwei Meter zu messen vermag. Zusammen mit seinem Vetter auf der Nordhalbkugel, dem Basstölpel, und dem in Südafrika beheimateten Kaptölpel formt er die Gruppe der Sulidae Morus, der weiteren Tölpelarten. Das diese drei Arten aufeinander treffen dürfte, der großen natürlichen Distanzen wegen, wenn dann nur in einem Zoo der Fall sein. Eine optische Gemeinsamkeit aller drei Tölpelarten ist aber das gelb-golden abgesetzte Nackengefieder, ihr spitzer blau-grauer Schnabel und die hellblaue Iris.

Im Alter von 4 Monaten starten die just erst flügge gewordenen Jungvögel des Australtölpels ein einzigartiges, großes Abenteuer: der allererste Flügelschlag ihres Lebens führt sie, obwohl sie keine Flug- und Jagderfahrung haben, auf eine circa 2800 Kilometer lange und 8-14 Tage dauernde Reise von Neuseeland ins entfernte Australien, den Trans-Tasmanischen Flug. Viele Tiere sterben auf dieser Migration, in guten Jahren returnieren gerade mal 25% der Vögel. Warum die Tölpel das auf sich nehmen ist nicht bekannt, denn das Ziel, Australien, bietet keinerlei nennenswertes Nahrungsangebot.

In einen menschlichen Kontext gebracht – nehmen wir mal an unser Mensch in diesem Beispiel lebt 85 Jahre – würde es bedeuten, dass ein menschliches Baby im Alter von ~1,5 Jahren den Haushalt verlässt und sich eigenständig, unausgebildet und allein auf eine mehrere tausend Kilometer lange Reise begleitet von Wetterkapriolen und Fressfeinden macht, um nach 3 Jahren zurückzukehren, die Brut zu starten und die restlichen (bis zu 17) Jahre in Neuseeland zu bleiben. Einige der Vögel wiederholen diese Reise sogar. Wahnsinn…!

In Neuseeland gibt es 24 Tölpelkolonien, allerdings sind nur 3 davon zugänglich. Die wohl frequentierteste von allen ist die relativ junge Kolonie am Südende des Muriwai Beach, was circa eine Autostunde von Auckland entfernt ist und wo die Vögel seit 1979 nisten. Aufgrund der guten Infrastruktur und dem damit einhergehendem Tourismus, ist die Kolonie am Muriwai Beach gut besucht und daher stark abgesperrt. Der oftmals auflandige Wind rundet das „Wohlfühlgefühl“ ab, indem er die Haut der Besuchergesichter mit Sand, Federn und auch aufgewirbeltem Vogelkot schmirgelt. Die zweite Kolonie ist am Farewell Spit nahe dem Abel-Tasman-Nationalpark auf der Südinsel zu finden.

Das für mich persönlich größte Ärgernis Neuseelands: Es wird die große Freiheit suggeriert, aber vor Ort angekommen, wird man egal was man sich anschaut in erster Linie zur Kasse gebeten und bekommt dafür eine halbe Stunde, mit Führer, oder so. Das ist gegenüber den 99% Normalos sicherlich nicht verkehrt, da diese Menschen nicht den blassesten Schimmer haben, wie man sich in der Natur, auf einem Gletscher oder in der Nähe einer Vogelkolonie verhält, für Profis aber ist das ein Schlag ins Gesicht und ein die Kreativität erstickendes Korsett. Dieses Schicksal drohte mir auch am Cape Kidnappers bei Napier am Südende der Hawke’s Bay, wo die zweite besuchbare Tölpelkolonie Neuseelands zu finden ist, doch entgegen vieler Gerüchte kann man dieses Nistgebiet des Australtölpels aber OHNE Bezahlen und der Unterordnung unter zeitliche Zwänge erreichen; aber nur, wenn man alles zu Fuß macht. Gesagt, getan, schnüre ich noch in der Nacht meine Ausrüstung und mache mich im Zeitfenster der eigentlich schon steigenden Flut auf den ~10km Eilmarsch entlang an der Steilküste.

Das Wetter ist insgesamt bescheiden, windig und man hat so gesehen kein Licht zur Verfügung. Auf der anderen Seite verbringen die Vögel unabhängig vom Wetter jeden Tag dort und genau wie im Leben eines Menschen kann nicht jeder Tag eitel Sonnenschein sein. Von daher mag ich die fotografische Herausforderung bei relativ diffusem Licht auf diese Tiere zu treffen, welche ich in Form der ersten pfeilförmigen Flügel am Firmament nach 8km Wanderns am Black Rock Reef sichte. Die Flut kommt näher, aber auch die Vögel, denn das Geschnatter wird lauter, der Geruch intensiver.

Ungeübten Wanderern die sich nicht kennen sei hiermit gesagt: Ihr geht bitte nur auf den Strand so wie es die Gezeiten erlauben. Das kann überall erfragt werden. Ja, ich habe das anders gemacht, aber auch nur, weil ich mich, meine Möglichkeiten und die örtlichen Gegebenheiten sehr gut kenne.

Ja, 13.000 Fischfresser an einem kleinen Ort sind alles andere als überriechbar und das Cape Kidnappers hat bereits seit mindestens 1880, als Naturforscher Henry Hill die Tölpelkolonie mit 50 Tieren erstmals urkundlich erwähnte, diesen Beigeschmack Beigeruch. Aber, den Māori ist diese Brutgebiet unter dem Namen Tākapu bekannt, was darauf schließen lässt, dass die Vögel dort bereits länger als 1880 brüten. Die Tiere richten sich dabei auch nach dem lokalen Nahrungsangebot und den Nistmöglichkeiten, was im Umkehrschluss bedeutet, dass eine Kolonie lebt, sich ausbreiten, verlagern aber auch sterben kann.

Der Januar gehört zur Hauptbrutzeit. Neben dem Geschnatter der Altvögel hört man vor allem das stetige hochfrequente Brummen der mit flauschigen Daunen besetzten Küken, was mich an ein riesiges, im Hintergrund laufendes Kühlaggregat erinnert. Manche der Nester sind abenteuerlich gebaut. Rollt das Ei raus, oder aber stürzt das Küken ab, ist der Nachwuchs de facto dem Tode geweiht und so sehe auch ich den ein oder anderen kleinen toten Vogelkörper. Am Cape Kidnappers begegnet man einem an seinen Lebensraum hoch angepassten Lebewesen. Des Tölpels Augenlieder, sein starker Schädelknochen, seine pfeilförmigen Flügel sind ein Meisterwerk der Evolution. Alles ist darauf ausgerichtet draußen auf See Fische zu erbeuten. Primär geht er dabei auf heringsgroße Fische wie z.B. Sardinen oder Sardellen, aber auch kleinere Kalmare stehen auf der Speisekarte. Er bringt aber auch schon mal Nistmaterial wie Kelp mit nach Hause, zur Verbesserung des Nests.

Jagen die Vögel, schießt der Tölpel urplötzlich aus 1 bis 20 Metern Höhe ins Wasser. Dabei legt der Vogel in nur wenigen Bruchteile einer Sekunde bevor er die Wasseroberfläche durchschlägt seine Flügel pfeilförmig an den Körper, schließt die Augenlider und sticht mit bis zu 145 km/h ins Nass. Wie determiniert und beharrlich der Vogel sein kann, sieht man auch beim Anflug auf sein Nest. Inmitten hunderter kleiner Hügel macht er genau SEIN Nest ausfindig und behält es fest im Auge. So fest, dass in der Einflugschneise stehende Menschen gern rasiermesserscharf überflogen werden.

Er ist ein Meister des ausdauernden Segelns und des Sturzflugs, Landung und Start aber sind ein Kapitel für sich, ein eher funktionales. Sauber aufgereiht wie an einem Großflughafen stehen die Tiere auf der Startbahn und holen heftig Flügel schlagend mit beiden Beinen abstoßend Schwung, um sich final wie japanischer Kamikaze von einer Klippe und damit in die Lüfte zu stürzen. Die Landung, bei der sich der Vogel mit stolz geschwollener Brust und offenen Schwingen in den Wind stellt und mit ausgefahrenen Watschelbeinen förmlich aus der Luft auf den Boden plumpst, wirkt gleichzeitig grazil als auch unbeholfen.

Manch Ankunft erinnert an einen vorsichtigen Balletttänzer, während andere Landungen erscheinen als ob der Vogel wie Obelix in eine Ladung Römer stürmt. Dem entsprechend kurzweilig ist das Beobachten der Kolonie, auch weil die Vögel beim Landen vom ein oder anderen Nachbarn gezwickt werden. Da möchte man kein Tölpel sein… Vermasselt der Wind die Landung, fliegt er laut schnatternd („Baby, Baby, warte! Ich komm‘ gleich wieder.“) einen großen Kreis und versucht es unermüdlich erneut, bis es endlich klappt, auch wenn er 20 oder mehr Runden drehen muss. Beide Partner bleiben ein Leben lang vereint. Diese unzertrennliche Bindung zelebrieren sie, kaum das sie sich nach kurzer Trennung wiedersehen, mit einem herzerweichenden, innigen Ritual. Sie schnäbeln was das Zeug hält, strecken gemeinsam ihre Hälse samt Schnabel gen Himmel in die Höh, kuscheln, pflegen sich gegenseitig das Gefieder und stecken dabei ihren Popo raus. Besonders „scharf“ wird dieses Tête-à-Tête wenn einer der beiden Kelp (Nistmaterial) mitbringt. Während ich das versuche zu fotografieren, treffen die per Traktor und Bus über den Strand kutschierten Touristen ein.

Anstatt sich aber die Vögel anzuschauen und das Kap zu genießen, werde ich begafft, wohl des großen Superteleobjektivs wegen. Toll… Einer Oma beschert dieser Anblick wohl sogar einen zweiten Frühling. Sie baggert mich unverhohlen an um irgendwann festzustellen, dass ihre alten Zähne auf sich reziprok zur Attraktivität selbst härtenden preußischen Granit beißen. Nach kurzer Zeit sind zum Glück wieder alle verschwunden, denn den meisten reicht ein flüchtiger Blick anstatt sich ernsthaft mit den Tieren zu beschäftigen. Ich jedoch bleibe, im Zelt, über Nacht und werde am frühen Abend des Folgetags so langsam aber sicher vom Tiefdruckgebiet des ehemaligen Zyklons „June“ heimgesucht.

Am nächsten Tag sind auch die Vögel ob jener zunehmenden Regenmenge alles andere als begeistert. Der Kapfelsen gleicht jetzt mehr einem Sumpf denn einer Graslandschaft. Was mir bei aller Nässe wiederum ein herzliches Lachen abringt, lese ich doch in etlichen Tölpelgesichtern genau jenen typisch Berliner Schnauze entspringenden, durch meinen Kopf gehenden Fluch „So ne Sch*** hier! Verdammter Piss-F***-Regen!!!!“ ab. Tölpel sind im Herzen also auch Preußen! :-)))))

Auf dem mit Vogelkot übersäten Boden macht der Regen jeden Start zur Rutschpartie. Bedröppelt und beschämt beäugen sich die wenigen Vögel, die sich zum Start auf diesen Schleim wagten, ausrutschten und sich’s Gefieder versauten. Glücklicherweise wäscht der Regen das Gefieder auch wieder ein wenig sauber. Diesen Tag habe wenig fotografiert, bleibe aber frei nach dem Motto „Das zieht vorbei!“; unwissend, dass die nächste Nacht nasser wird als ne Runde Brustschwimmen… Das durchgesuppte Zelt habe ich bereits irgendwann um 2:00 in der Nacht abgebaut und sitze jetzt mit meiner Fotoausrüstung wie eine Glucke unter einem Poncho aus alten Fallschirmjägerzeiten und warte auf den Morgen. Ein Glück ist das Ding dicht…

Am sehr frühen Morgen lässt es die Flut wieder zu über den Strand zurück nach Clifton zu gelangen. Im Schein der Stirnlampe irrlichtere ich dem kleinen Kaff entgegen. Diese wunderschönen freien Vögel dennoch hautnah miterlebt haben zu dürfen war und ist eine meiner intensivsten in Neuseeland gemachten Erfahrungen. Am liebsten hätte ich mir nen kleinen schnatternden Tölpel mitgenommen :-) Was ich natürlich nicht machte… Die hier gezeigten Fotos entstanden vornehmlich mit dem Canon EF 200-400mm f/4L IS USM, einer Investition die ich nicht bereue.

Da ich auch Muriwai besuchte, zeigen einige der Fotos die Muriwai Tölpelkolonie, wobei das Fotografieren in Muriwai sehr schwer ist, da man die Tiere de facto nur von oben zu Gesicht bekommt und man mit dem sehr starken auflandingen Wind konkurrieren muss.

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