Oberbaum, Mauer und Wende und so…

Die Berliner Oberbaumbrücke ist Symbol für Vieles. Wo heute Autos, U-Bahnen und Touristen die Spree von Nord nach Süd überqueren, verlief früher die Grenze zwischen Ost und West. Der ehemalige Grenzstreifen orientierte sich dort am Verlauf der Spree; eine Route auf der heute Ausflugsdampfer verkehren. Die Türme der Oberbaumbrücke symbolisieren die Nachbarschaft von Berlin und Brandenburg und sind nicht nur identitätsstiftend für den direkt daneben gelegenen Club Watergate sondern für die gesamte Stadt. Auch in meinem Leben spielt die Oberbaum eine wichtige Rolle: sie war mein Erstkontakt mit dem Westen kurz nachdem die Mauer fiel und viele Menschen wissen gar nicht, dass neben dem Oberbaum auch einen Unterbaum gibt.

Berlin und seine Mauern… Die zweite Berliner Stadtmauer (1734-1860) diente weniger der Verteidigung sondern vielmehr der Erhebung von Steuern. Sie wurde auch Akzisemauer genannt. Sinn und Zweck darin bestand den Warenverkehr effektiv besteuern zu können. Dies betraf natürlich auch den Wasserweg. Der Oberbaum stellte eben jene Stadt- und Steuergrenze am Spree-Oberlauf dar, während der Unterbaum dies am Unterlauf, auf Höhe der Kronprinzenbrücke tat. Der Oberbaum nebst Brücke wurde ein Symbol, während der Unterbaum aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand.

Der eigentliche Fall der Berliner Mauer, einem Donnerstagabend, verlief für mich persönlich relativ unprätentiös. Wie sollte es für einen Bengel um die 11 Jahre alt auch anders sein. An die Ereignisse kann ich mich schon erinnern, so richtig ernst wurde es aber erst, als ich mit meiner Schwester an der Hand samstags in der Schule eintraf und außer ein paar pflichtbewussten Lehrern niemand dort war. Alle waren im Westen. Ergo nahm ich mein Schwesterchen wieder an die Hand und band meiner Mutter Zuhause angekommen die Frage auf die Nase: „Und?! Wann fahren wir denn in den Westen?“

Als mein Vater von der Arbeit kam, setzten wir uns allesamt in die S-Bahn und fuhren gen Berlin. Warschauer Straße angekommen, ertönte es bereits aus den Lautsprechern, dass die Weiterfahrt ins Stadtzentrum unsinnig ist, da dort ob des Mauerfalls alles verstopft ist. Ok. So machten wir das Beste aus der Situation und gingen gen nächstgelegenem Grenzübergang, der Oberbaumbrücke, die damals eher zwei graue abgebrochene Zähne denn an ein Bauwerk von historischer Bedeutung erinnerte. Am Ende der Brücke, wo heute die U1 die Straße überquert, stand eine mehr als mannshohe Mauer mit einem Loch wo Menschen hindurch schlüpften. Doch bevor es zum Durchschlüpfen kam, hieß es warten, stundenlang warten und in einer dichten Menschenmenge.

Die Menschen nahmen die Warterei mit Humor auf. Typische Berliner Schnauze kommentierte all das mit „Ey, die haben dit sich anders überlegt. War allet nur’n Witz. Wir können wieda nach Hause jehn!“ Es dämmerte bereits als wir irgendwann durchs Loch krabbeln durften. Und da waren wir, am heutigen Oberbaumeck. Nun darf man nicht den Fehler machen und sich das heutige, relativ aufgeräumte Kreuzberg vorstellen. Kreuzberg war damals Punkerparadies. Wir ließen also den grauen Osten hinter uns und wurden in eine Gegend mit satt Hundekacke auf den Gehwegen, Spritzen in den Hauseingängen und zahlreichen Graffitis an den Wänden katapultiert. Ab und an zog eine Schwade menschlichen Uringeruchs vorüber. Kein schöner Eindruck, aber vom Potential her gesehen, hatte der Westen ergo beste Chancen nur besser werden zu können ;-)

Ich bin in erster Linie Naturfotograf. Leute wie ich wissen: Graugänse hauen bereits ab wenn man nur daran denkt zu fotografieren, derart scheu sind diese Tiere. Umso ungläubiger riss es mir die Kinnlade runter als ich eine Graugans auf dem Grünstreifen der East Side Gallery grasen sehe, inmitten all der Touris, mit der Oberbaumbrücke im Hintergrund. Ich liebe derartige Begegnungen. Sie sind hautnah erlebte Evolution, denn die Natur passt sich an die vom Menschen geschaffenen Gegebenheiten an. Ohne den Mauerfall aber könnten sich weder ich noch das Tier auf dem Grünstreifen aufhalten. Und dann treffen wir am 3. Oktober, dem Tag der Einheit dort, auf dem ehemaligen Grenzstreifen aufeinander. Intensivere Verbindungen zwischen eigener persönlicher Geschichte und Natur gibt es selten. Eine der Aufnahmen entstand während des Festival of Lights. Dabei werden verschiedene Gebäude der Stadt, so auch die Oberbaumbrücke, verschiedenartig illuminiert. In 2013 wurden die Türme der Brücke mit gelb-blauen, animierten Lasern angestrahlt.

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