La Habana – Alte Dame der Karibik

Im Lauf der Jahre gaben sowohl koloniale Besatzer als auch andere Besucher La Habana viele Namen. Da war von der „schmutzigen Schönen”, dem „Paris der Tropen” und auch von der „Alten Dame” die Rede wenn über die heutige Hauptstadt Kubas gesprochen wurde. Mit architektonischen Highlights und jeder Menge Musik, Rum und Zigarren stellt Vieja, das historische Zentrum von Havanna, jeden Tag aufs Neue unter Beweis, warum es ein UNESCO-Weltkulturerbe ist.

La Habana

Es lebe die Business Class, und das damit verbundene schnelle Fortkommen, denn ich darf den Diplomatenschalter benutzen um einzureisen. Dort, ganz rechts der Masse, übersehe ich aber einen kleinen Monitor auf dem mein Flug ausgewiesen wird und gehe, magnetisch angezogen von der Gravitation der Menschenmasse, natürlich zum falschen Gepäckband, wo dicht gedrängt gut 300 Leute ans kleine Band branden um ihr Gepäck aufnehmen zu wollen; was mich antreibt herumzufragen, wie lange dort schon gewartet wird. Die Antwort die ich von den durchweg ausländischen Touristen erhalte gefällt mir überhaupt nicht. Es ist on 3-4 Stunden die Rede. Was für ein Andrang! Kuba ändert sich, Kuba öffnet sich.

Havanna, auf dem Weg ins Stadtzentrum. Stolz zeigt mir Michel jenen Ort, wo in wenigen Tagen die Rolling Stones spielen werden; kostenlos und für circa eine halbe Million erwartete Menschen. Eines jener riesigen, richtungsweisenden Konzerte, wie sie auch im Berlin vor dem Mauerfall stattfanden, als z.B. Pink Floyd mit „Brick in the Wall!“ lautstark forderte den kommunistischen Betonwall einzureißen. Über 60 Container Ausrüstung haben die Stones für ihre Show auf die Karibikinsel verschifft. Kuba ändert sich, Kuba öffnet sich.

Michel ist stolzer Besitzer einer Casa Particular, wie die neuerdings erlaubten, privaten Unterkünfte Kubas genannt werden. Sie ist in der unmittelbaren Nachbarschaft des Baseballstadions gelegen, wo sich der Zustand der Bebauung punktuell schlagartig ändert. Die Straße wurde jüngst geteert, die Häuser haben einen frischen Anstrich und die Umgebung wirkt seltsam aufgeräumt. Warum? Nun, im benachbarten Stadion wird demnächst ein Baseballspiel zwischen Kuba und den USA ausgetragen. Obama, der Weltfriedensstifter Nummer 1, soll wohl dabei sein. Kuba ändert sich, Kuba öffnet sich.

Vor uns eines jener alten US-Autos, das u.a. das weltweite touristische Begehr nach einem Kuba-Urlaub auslöst. Tritt der Fahrer nur einmal aufs Gaspedal, sprengt der gehaltvolle, undurchsichtig pechschwarze Abgasschleier locker jedwede deutsche Feinstaubnorm auf Jahre hinaus. Kubas Autoabgase aber sind wenigstens „ehrlich“ und belügen nicht die gesamte Welt um sich danach als Opfer zu gerieren, nicht wahr Volkswagen? Kubas Oldtimer-Boliden werden liebevoll am Leben gehalten, mittlerweile aber auch sukzessive abgelöst. Vor allem chinesische Geelys sind seit den letzten Jahren keine Seltenheit mehr im Straßenbild. Kuba ändert sich, Kuba öffnet sich.

Fröhliches Gelächter durchdringt die petrochemischen Emissionswolken der durch die Altstadtgassen stotternden Autos. Es kommt aus einem der vielen Häuser, die nicht entlang der Obama-Besuchsroute zu finden sind. Wie bei vielen anderen Gebäuden, ist die dem Jahre 1841 stammende Baumasse derart zerfallen, dass man eine niedergegangene Weltkriegsbombe als Ursache wähnt.

Trotzdem ist diese Ruine dauerhaft bewohnt. Es dauert nicht lange und grün Uniformierte tauchen auf. Nicht weil ich zu neugierig bin, sondern um ganz Kuba dieser Tage mit Rauch zu behandeln. Fumicacion nennt sich diese Präventionsmaßnahme gegen das Zika-Virus. Auch hinsichtlich medizinisch-biologischer Bedrohungen ändert sich Kuba, öffnet sich Kuba.

Es ist viel zu tun in auf der Karibikinsel. Den Obama-Besuch sehe ich zweischneidig. Unabhängig davon das er ein Lügner ist – Guantanamo ist immer noch offen, die Nuklearwaffen, die er 2009 in Prag versprach abzubauen, hat er erneuert/modernisiert und mit TTIP stellt er Europa vor eine den Frieden bedrohende Zerreißprobe – baut er mit seinem Kuba-Besuch eine kulturelle Brücke, und Brücken sind nie verkehrt; doch ist er auch der Vorbote eines radikalen ökonomischen, soziokulturellen Wandels aus dem viele Menschen nicht als Gewinner hervorgehen werden.

Ein Vorbote ähnlich den Reisen des James Cook im Südpazifik, der zwar interkulturelle Brücken baute, aber auch die Tür für das ausbeuterische, imperial-koloniale Eindringen des weißen Mannes aufstieß, was ich mit den Maori Neuseelands diskutierte.

Sicherlich ist es gut des Obama-Besuchs wegen einige wenige Straßen zu flicken und Häuser anzumalen, was besser als gar nichts ist. Auf der anderen Seite aber tragen die USA den Hauptteil der Schuld am jetzigen Zustand Kubas. Es war einzig und allein die Isolationspolitik der USA und seiner Marionetten die Kuba hat derart abgleiten und verkommen lassen. Es wäre nur zu logisch gewesen dem Herrn Präsidenten dieses schonungslose Bild, die Auswirkungen der Politik seines Landes zu zeigen. So aber fährt Obama lediglich durch Potemkinsche Dörfer, womit der Westen kein Deut besser ist als der verhasste Kommunismus.

In Cienfuegos treffe ich Österreicher, deren Reisegruppe in Havanna des Obama-Besuches wegen, ins Hotel eingeschlossen (!!) wurde. Die Fenster wurden von außen verschraubt. Die Paranoia der Yankees kennen wir Europäer ja zu gut, wenn hier in Berlin z.B. Gullydeckel verschweißt werden und es ist zutiefst ironisch, dass der mächtigste, eigentlich für Freiheit und Demokratie stehende Mensch, derartigen Zwängen unterliegt nur weil er das genaue Gegenteil von dem ist, was man uns versucht zu verkaufen.

Jesus (er heißt wirklich so), ein verrenteter Professor für Sprachen aus Cienfuegos, der exzellent Deutsch (und auch Russisch sowie Bantu-Sprachen) spricht, schildert mir die 1990er Jahre während er sich ein Bier nach dem Anderen von mir spendieren lässt. Die 90er waren wohl besonders schlimm, behaftet mit Mangel an allem, und ganz schlimm auch an Nahrungsmitteln. Um all diese Verknappungen zu kurieren, brauchte Kubas Revolution eine Revolution, die in persona von Raul, dem Bruder Fidels, langsam fruchtet.

„Zehn Jahre später geht es Kuba nicht gut, aber sehr viel besser als in den 90ern“, schildert er. „Damals, als der Ostblock zusammenbrach, gingen unsere Partnerschaften über Nacht verloren. Ihr wart, Ihr musstet mit Euch selbst beschäftigt sein. Das war unser Verhängnis. Deswegen ging’s und sehr dreckig“, fährt er fort. Es bleibt zu wünschen übrig, dass diese politische Öffnung hoffentlich nicht in einer Reconquista des Neoliberalismus westlichen Vorbilds anheimfällt.

Die falschen Propheten dieser potentiellen Neoliberalisierung sind amerikanische Touristen, deren Gebaren und Wortwahl leider durch die Bank weg neokoloniale Wesenszüge aufweist. Sie können, nein, sie scheinen es nicht zu verstehen wollen, dass ein Tabakbauer 90% seiner Ernte abzugeben hat weil er damit Andere solidarisch unterstützt, weil er mit seiner für den Export bestimmten Ware eine der Säulen von freier Bildung sowie kostenloser guter medizinischer Versorgung bildet.

So funktioniert Sozialismus (in der Theorie) nun einmal. Und machen wir uns nichts vor, die Tabakbauern erhalten durch die verbliebenen 10% der Ernte eine saftiges, rein privates Zubrot, wie ich im Gespräch mit Benito, einem Tabakbauern, erfahre. Wir Westler hingegen lassen unsere Sozialsysteme derart verrotten, dass sogar ein Absturz aus der immer kleiner werdenden Mittelschicht problemlos möglich ist.

Und genau diese Motivation, Kuba zu erleben bevor es an westlicher Abzocke Gefallen findet, bevor echte Solidarität auf der Strecke bleibt, treibt aktuell die Touristen auf die Karibikinsel. Den Touristen geht es primär um die Menschen Kubas, ihre aufrichtige Art, Solidarität und Lebensfreude zu erleben; ein Charakterzug, der droht inhärent korrumpiert zu werden.

Wie lange das dauern wird, wie lange es noch gut geht, das steht in den Sternen, der Ami aber hat bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass er sich als Hegemon ganz Amerikas versteht. Man erinnere sich da nur an exterritoriale Aktivitäten in Chile, Nicaragua, Puerto Rico und auch an die in Kuba gescheiterten Umsturzversuche und nicht zuletzt Ermordung Che Guevaras durch die CIA.

Die Isolation durch den Westen, führte zu Mangel; Mangel, der die alten Autos der Revolutionszeit konservierte und die heute eines der Markenzeichen Kubas sind. Ein anderes Aushängeschild sind Tabak, Zigarren, Salsa und unendlich viel Rum. Diese Atmosphäre ist de facto überall anzutreffen und genau darum geht es, um diese Atmosphäre der aus dem Nichts heraus erzeugten Lebenslust.

Speziell an den Casas de Musica, besonders in Trinidad, erreicht sie ihren Siedepunkt und steckt selbst den muffeligsten Touristen an. Dort kreist der Rum flaschenweise und es lösen sich an einem Abend auch schon mal 4… 5… 6… Zigarren in Luft auf.

Doch zurück nach Havanna, wo jede Bar, jedes Restaurant, jeder zentrale Platz und Hinterhof von afro-kubanischer Musik erfüllt ist. Sicherlich sind die Songs oft die gleichen, werden aber letztlich unterschiedlich intoniert, interpretiert und damit derart abwechslungsreich, dass man sich durchaus die ein oder andere CD die einem angeboten wird, immerhin ein musikalisches Unikat, mitnehmen sollte. Ein weltweit einzigartiges Unikat, wie es nur Kuba sein kann. Und ist es nicht nur die Musik, sondern kann sich am gesamten öffentlichen Leben erfreuen; einfach zugucken beim Schachspiel auf der Straße, wenn Jungs der großen Leidenschaft Baseball frönen oder wenn man einen aus den ebenerdigen offenen Wohnzimmern kommendes Lächeln oder Gruß erwidert.

Kubas bewegte Chronik ist allgegenwärtig beim Schlendern durch die Straßen und Gassen von La Habana. Und auch entlang der berühmten Uferpromenade Malecón vermischt sich koloniale Architektur stets und ständig sowohl mit den Auswirkungen der Revolution als auch der jüngeren Geschichte der Öffnung gegenüber dem Westen. So z.B. erfährt das Capitol aktuell eine grundlegende Renovierung und auch die Gegend um die Kathedrale, wo kürzlich das historische Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill I. stattfand, erstrahlt in neuem altem Glanz. Kuba ist in, für jedermann, und so bleibt zu wünschen, dass die unheimlich im Orbit um den Turm des Plaza de la Revolución gleitenden Truthahngeier nicht zum Menetekel avancieren.

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