Moskauer Metro – Königin der Untergrundbahnen

Die Silvesterparty auf dem Roten Platz steckt mir noch gehörig in den Knochen. Was für einen Jahreswechsel von 2015 nach 2016 hatte ich da auf dem in westlichen Medien lügnerisch als geschlossen verkündeten Platz. Ich traf Russen, Ukrainer, Georgier, Armenier – und alle hatten wir eine großartige Zeit. Tagsüber sind es mittlerweile -21°C, eine knackige Kälte und geradezu geschaffen für Banja-Besuche oder dicke Ledermäntel. Jeden Morgen um 6 Uhr verlasse ich mein Domizil in der Bolschaja-Grusinskaja, der großen Georgischen, latsche durch den Schnee gen Barrikadnaja und begebe mich in die Metro Moskau um die Architektur all ihrer Linien und Bahnhöfe zu porträtieren.

Die U-Bahn der russischen Kapitale

Moskau hat insgesamt 12 Linien vorzuweisen und glücklicherweise kann ich noch die Frunsenskaja (Фрунзенская) fotografieren bevor sie für über ein Jahr geschlossen wird, wegen Rekonstruktionsarbeiten. Jene Restauration endete jüngst für die Baumanskaja (Бауманская). Beide Stationen kann ich also ins Projekt mit aufnehmen, genauso wie die Anfang Januar 2016 noch jüngste Station Technopark (Технопарк).

Die kurze Taktung der Züge hilft enorm um in der kurzen Zeit zwischen 6 und 9 Uhr möglichst menschenfreie Fotos schießen zu können. Danach ist’s mit der Menschenleere vorbei und man merkt die inoffiziell 15 Millionen Einwohner, bzw. merkt nicht, dass es Anfang Januar der Feiertage wegen viele Menschen irgendwo anders hinzieht.

Die kurze Taktung der Züge lässt auch meine Freunde von der BVG schwärmen, in positivem Neid eine solche technische Meisterleistung weitestgehend störungsfrei hinzubekommen. Hier in Berlin ist alle Nase lang irgendein zugesoffener oder -gedröhnter Vollidiot im Gleis, oder zieht die Notbremse oder oder oder. In Moskau aber gabs nicht eine Störung.

Bereits 2007, seit meinem ersten Moskau-Besuch, wollte ich die Metro fotografieren. Es sind Paläste des Untergrunds, mit einer weltweit einzigartigen Ikonografie, eigenem Stil und aus edlen Materialien geschaffen. Fährt man in die Stadt, kommen die Stationsansagen von einer männlichen Stimme. Geht’s hingegen hinaus, dann tönt es weiblich aus den Lautsprechern. Warum? Um blinden Menschen eine Orientierung zu geben wohin sie sich bewegen. Clever!

Insgesamt sind in der Moskauer Metro drei große Architekturphasen zu erkennen. Klassizistische, teils griechisch anmutende unterirdische Säle wie zum Beispiel die Komsomolskaja (Комсомольская). Dann funktional-quadratische Bahnhöfe getragen von 2 Säulenreihen, was man in der Molodjoschnaja (Молодёжная) gut sieht. Und zuletzt moderne Architektur, u.a. mit Tageslichteinlässen, wo Materialien wie Glas und Stahl zum Einsatz kommen, wie zum  Beispiel im Bahnhof Lermontowski Prospekt (Лермонтовский проспект) oder Wolokolamskaja (Волоколамская).

Gestalterisch präsentiert sich die Moskauer U-Bahn oft in einer unglaublichen Symmetrie. Stellt man sich ans Ende der mittigen Bahnhofshalle, dann verliert sich der menschliche Blick, geführt von unendlich scheinenden Linien irgendwo in der Ewigkeit. Ein weiteres oft genutztes Stilmittel sind Wandbilder, entweder gemalt oder als Plastik, sowie Büsten und gar Statuen – und so starrt Puschkin genauso in den Strom der Millionen Moskauer Passagiere wie Lenin, Turgenew, Dostojewski oder die weißrussischen Partisanen.

Die Nummerierung der Linien korreliert im Großen und Ganzen mit der Eröffnungsreihenfolge. Heißt die Urlinie ist also die 1, verkehrend zwischen Sokolniki (Сокольники) und Park Kultury (Парк Культуры), mit einer Abzweigung zur Smolenskaja (Смоленская). Bereits 1934 arbeiteten 75.000 Menschen an der Fertigstellung dieser ersten, sowohl sozialistischen als auch sowjetischen Untergrundbahn. Man kann also davon ausgehen, dass bis zur Eröffnung am 15. Mai 1935 sogar noch mehr Arbeiter zu tun hatten.

Die Fertigstellung fraß 21% des laufenden Staatshaushalts auf. Auch, weil auf verschiedene Marmor- und Granitsorten Wert gelegt wurde. Rein sozialistisch ist sie so gesehen aber nicht, da zur termingerechten Fertigstellung eine Tunnelvortriebsmaschine aus England angekauft wurde. Diese erste 11,2 km lange Linie resultierte in 2,3 Millionen Kubikmetern Aushub sowie 842.500 m² gegossenen Betons.

Konservierte russisch-sowjetische Geschichte

Dem Denkmalschutz wurde und wird höchster Stellenwert eingeräumt, nicht umsonst werden Bahnhöfe wie die Frunsenskaja und Baumanskaja aufwendig restauriert. Die Bahnhöfe der Moskauer Metro sind Monumente und werden daher werbefrei präsentiert, was für werbungsreizüberflutete westliche Augen eine unglaubliche Wohltat ist. Auch mit einem anderen Detail punktet die Moskauer Metro. Der Großteil der Bahnhofsnamen endet auf „-aja“ – eine Honorierung und Hommage an das schöne, an das weibliche Geschlecht :-)

Vielen Besuchern Moskaus fällt auch umgehend auf, dass die Metro der russischen Hauptstadt sehr sauber ist. Kein Vergleich zu Berlin, wo man im U7-Bahnhof Hermannplatz schon mal nen satten Haufen menschlicher Scheiße oder aber ne Kotzlache in der M10er (Party-) Tram vorfindet, bzw. die S-Bahn noch vom zuletzt darin nächtigenden Penner derart stinkt, dass man einen sofortigen Würgereflex bekommt. Vor dem Hintergrund, dass die Russen dem Wodka nicht allzu abgeneigt sind, ist dies ein erstaunlicher Kontrast, sprich Moskau sauber und Berlin nicht.

Für die Moskowiter ist ihre Metro die Hauptschlagader der Stadt. Tief im Bauche Moskaus gibt’s keinen Stau, so wie oberirdisch oft der Fall. Die Metro fährt einfach immer. Sie ist Teil des Stadtgefühls und vollakzeptiert, was sich nicht zuletzt daran offenbart, dass Verabredungen eigentlich fast immer an und in U-Bahn-Stationen stattfinden.

„14 Uhr Kitai-Gorod, dann 19 Uhr an der Smolenskaja, ok?“ Derartige Zusammentreffen sind absolut üblich und so ist die Mitte des Bahnhofs manchmal überfüllt mit Menschen, die auf andere Menschen warten. Auch das frei nutzbare WLAN spielt eine große Rolle und erklärt, warum viele Menschen in der Metro sitzen. Sie lungern nicht sondern surfen einfach :-)

Giganten im Untergrund

Eine andere niedliche Tradition der Moskowiter ist es im Bahnhof Ploschtschad Rewoljuzii (Площадь Революции), dem Platz der Revolution, die Bronzestatuen zu berühren. Besonders der Rücken des Hahns und die Schnauze des Hundes. Dies soll Glück bringen. Und so streichen monatlich Abermillionen von Händen über die Bronze, denn neben 200 Stationen und 333 Kilometer Länge ist die Moskauer Metro mit 3 Milliarden Fahrgästen nicht nur Europas sondern gar die verkehrsstärkste U-Bahn der Welt.

Einen besonderen Status nehmen dabei die Bahnhöfe der Ringbahn Kolzewaja (Кольцевая) ein, die im Stile des sozialistischen Realismus erbaut wurden. Entlang ihres Verlaufs ist die mit 190 Metern Länge kolossale Komsomolskaja (Комсомольская) zu finden, aber auch die mit ukrainischen Motiven geschmückte Kiewskaja (Киевская), die durch geschwungene Linien und Glasmosaike beeindruckende Nowoslobodskaja (Новослободская) sowie die Taganskaja (Таганская), mit ihrem weißen Marmor und den blau abgesetzten Medaillons, erzählend vom Großen Vaterländischen Krieg.

Die Kooperationsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit der Russen haut mich aus den Latschen. Überall stößt mein Projekt auf offene Ohren und Konstruktivität. Kaum ging die Fotoserie online, wurde ich von sogar offiziell von MosGorTrans, vom Moskauer Oberbürgermeister und vom Jugendmagazin Bolshoj Gorod lobend erwähnt. Der russische DJ Dr.Spy.Der (bekannt vom Kazantip Festival oder Krysha Mira Club) nahm meine Fotoserie sogar zum Anlass, der Metro eine eigenen Technotrack zu widmen.

Im Juli 2016 kehre ich zurück nach Moskau. Die Stadt ist überall aufgerissen. Überall wird gebaut, selbst die breite Twerskaja und der Twerskoj Boulevard sind eine riesige Baustelle. Ich nutze die Gelegenheit und nehme die nach meinem ersten Besuch eröffneten Stationen Rumjanzewo (Румянцево) und Salarjewo (Саларьево) ins Projekt auf. Nach Moskau gekommen bin ich aber vielmehr um gute Freunde zu treffen und der ersten Auszeichnung meiner Fotowettbewerbsteilnahme beizuwohnen. Es wird garantiert nicht mein letztes Mal in Moskau gewesen sein :-)

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