Gasometer – Das Schöneberger Stahlskelett

Das hippe und coole Berlin kann unglaublich flach sein, was im Wesentlichen an seiner Topografie liegt, deren höchste innerstädtische Erhebung ~100 Meter misst. Und da der deutsche Größenwahn einst auch die Maximalhöhe der Hauptstadthäuser regulierte, kann man auf hohen Gebäuden stehend problemlos ganz Berlin überblicken. Eines dieser aus dem Häusermeer ragenden, weithin sichtbaren Relikte ist das Schöneberger Gasometer, bekannt als Bühne der ebenfalls oft flachen Talkshow von Günther Jauch.

Schaut man sich die Liste der Erhebungen im Berliner Stadtgebiet an, dann sind sehr viele Schuttberge zu verzeichnen. Heißt, vor dem Krieg war Berlin sogar noch flacher als heute. Die damalige Stadtentwicklung und Bebauung regelte der Hobrecht-Plan, welcher für Wohngebäude eine maximale Traufhöhe von 20 Metern vorsah. Diese Traufhöhe wurde 1887 auf die lange Zeit gültigen allbekannten 22 Meter erhöht. Lediglich Kirchtürme durften aus dieser Regel ausbrechen und die Wohngebäude um bis zu 80 Meter überragen.

Mit seinen 78 Metern ragt das Schöneberger Gasometer also deutlich aus der Bebauung und der Umgebung. Es hat übrigens einen kleinen in Lankwitz gelegenen Bruder, den man allerdings nicht besteigen kann. Das Dachgeschoss hat sich, ganz im Stile Berlins, ein Zugezogener gekrallt, sprich ein zugeflogenes Turmfalkenpärchen. Um den Nistplatz der zwei wunderschön Gefiederten nicht zu stören, kommen Besucher also nicht mehr ganz nach oben sondern nur noch auf den maximal vierten Ring, was Freude und Aussicht keinen Abbruch tut. Sogar Rüdersdorf, meinen Geburtsort konnte man in Form des Turms des Zementwerks sehen.

Auch Deutschland hatte seinen 11. September, als im Jahre 2011 Günther Jauch im Gasometer den vierjährigen Sendebetrieb seiner Talkshow aufnahm. Seit 2007 ist das komplette ehemalige GASAG-Gebiet Eigentum eines privaten Investors, der das Gasometer sanierte, z.B. Korrosionsschäden beseitigte, dessen Pläne aber auch nicht unumstritten sind und eine Bürgerinitiative auf den Plan rief. Und ehrlich gesagt zeichneten sich die Herren Investoren und deren Diener mir gegenüber nicht sonderlich durch Freundlichkeit aus.

Das Areal liegt zwischen drei Bahntrassen. Richtig, drei. Zwei davon sind in Betrieb, sprich die Ringbahn als auch die Trasse der S1, eine andere ist stillgelegt, zumindest aktuell. Wäre die Bahnlinie wo heute die Cheruskerstraße (bzw. Südringspitzkehre) verläuft noch in Betrieb, dann wäre die Gegend und der Park um das Gasometer wohl deutlich weniger schön und attraktiv. Aber Obacht, die Überlegung diese Trasse als vierte Baustufe der S21 zu reaktivieren, ist aktueller denn je, da Züge zwischen Nord-Süd-Achse und Ring ein- und ausgefädelt werden müssen.

Die Nahaufnahmen entstammen allesamt dem Canon EF 200-400 f/4, einem Topobjektiv, dass bei starker Sonneneinstrahlung aber nicht die Physik egalisieren vermag, ergo sieht man auf den Fotos das Flimmern der Hitze.

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