In den Sand gesetzt – Marokkos Wüste

Wenn die eigene Hand vor Augen nicht in lauter Sand und im gelben Nichts verschwindet. Wenn die Lunge nicht von innen mit Staub paniert und der Planet nicht das letzte Tröpfchen Flüssigkeit aus einem rausbrennt. Wenn der Kamelrücken einem nicht die Männlichkeit wund und die Oberschenkel blau scheuert, ja, dann kann die Wüste richtig Spaß machen… ;-)

Das östliche Landesinnere Marokkos hat Sand wie Sand am Meer. Speziell im Tal des Flusses Draa scheinen es die moosgrünen Hänge des unweit noch schneebedeckten Hohen Atlas schier darauf anzulegen ihre Landmassen gegen die Wüste antreten zu lassen. Genau hier nehmen jene unterirdischen Bäche Anlauf, die die malerisch, wie in Märchen aus 1001 Nacht gelegenen Oasen speisen.

Der Kampf der Vegetation gegen den Sand, der Feuchtigkeit gegen die Hitze findet jeden Tag aufs Neue statt. Dabei kann der Tagessieg manchmal auch etwas unerwarteter ausfallen. Während man morgens von 6 bis 7 Windstärken Sand und Staub in die Augen gepeitscht bekommt, kann der Sturm gegen Nachmittag abflauen und plötzlich übernimmt die Sonne die Regie. Auf einmal sieht man wieder die eigene Hand vor Augen und kann sich des rötlichen feinpuderigen Sandes entledigen, der jetzt in allen Klamotten und Körperöffnungen hockt. In solchen Situationen stellen Oasen ein willkommenes Refugium dar. Man findet nicht nur Wasser und Grün, sondern auch gemäßigtere Winde, denn Palmen & Co. bilden ein exzellentes Bollwerk gegen jegliche heranrollende Staubwalze.

Legt sich der Wind, dauert es nicht lange und am Horizont tauchen die ersten Kamelreiter, Biker und Jeeps auf, bestückt mit Touristen, die auf unterschiedliche Weise ihr Glück in der Abgeschiedenheit der Wüste suchen. Dafür gibt es in Marokko zwei bekannte Gebiete: das nahe Merzouga liegende Dünenfeld des Erg Chebbi oder aber die Gegend um Zagora und Mhamid, nahe dem Dünenfeld Erg Chegaga. Eigentlich unterscheidet sich in beiden Gebieten der touristische Faktor nicht wirklich, dennoch meinen viele Einheimische, dass Merzouga zwar touristischer, aber auch besser erschlossen sei. Wen es nach Zagora oder Mhamid zieht, der muss allerdings erst einmal eine 8-10 stündige Busfahrt absitzen, denn so weit ist Marrakech entfernt. Am Ziel angekommen, bemerkt der aufmerksame Beobachter schnell, dass die Wüste in dortigen Gefilden aber auch die Einnahmequelle Nummer 1 darstellt. Die geführten Touren zu den Dünenfeldern und in die Oasen sind oftmals nur noch mit dem Begriff “Industrie” adäquat titulierbar. Spätestens wenn der Kamelguide inmitten von Dünen den ersten Telefonanruf annimmt, wird man von russischen Trash-Techno-Klingeltönen und der Vorstellung hier Empfang zu haben jäh aus jeglicher Sahararomantik gerissen.

Viele der Wüstenfotos habe ich ganz bewusst dunkel gehalten, um das Spiel des Lichtes am Abend- oder Morgenhimmel zur Geltung kommen zu lassen. Ganz genau so, als ob man selbst gerade mutterseelenallein auf einem Dünenkamm sitzen würde. Nur Du und der Sonnenuntergang, über Dir nichts weiter als die Gestirne, die sich anschicken den Nachthimmel zu erobern. Unter Dir der noch warme, wohlig riechende Sand, den man wie ein kleines Kind durch die Hände rieseln lässt…

Ab und an trifft man unvermittelt auf Leben in der Einöde und eine Oase kommt in Sicht. Da stehen dann plötzlich inmitten von Geröllmassen und sengender Hitze ein paar Palmen, wenn nicht sogar ein Palmenhain. Mhamid selbst ist bereits eine Oase, die allerdings vorwiegend zum Anbau von Getreide genutzt wird.

Auf dem Weg zum Erg Chegaga wird das Auge dann allerdings von Eindrucksvollerem verwöhnt. Es ist schon etwas abgefahren dort wo Wasser sich nicht halten kann einen kleinen Bach vorzufinden. Der zudem auch noch fließt. Noch weiter geht die Kinnlade runter, wenn man die kleinen Fische und Frösche darin entdeckt. Zu guter letzt findet man im Wasser auch noch eine Lebensform, die von den anderen Lebensformen abhängig ist: ein Parasit, ein Fischegel. Und das alles hunderte von Kilometer vom nächsten regelmäßig fließenden Wasservorkommen entfernt…

Den wohl schönsten Kontrast zwischen Wüste, Felsen und Vegetation findet man auf der Strecke von Agdz nach Zagora. Speziell im Licht des Sonnenuntergangs erscheint dieser einzige riesige Palmenhain entlang der Draa und mit seinen vielen Kasbahs in einem einzigartig magischen Licht.

Meist sind die Touren mit ein oder mehreren Camp-Aufenthalten verbunden. Das wohl bekannteste und meist besuchte Lager liegt zu Füssen des Erg Chegaga Dünenfeldes, den höchsten Dünen im Staate Marokko. Neben dem Hauptlager gibt es etliche andere Camps, wo Biker, Quadfahrer und Sandborder unterkommen und ihr Unwesen treiben. Speziell die Motorisierten sorgen für ordentlich Krach mang den Dünenwänden und durchfurchen das Sandmeer ungeachtet der Schönheit. Entfernt man sich von jenen und sucht sich seine eigene Düne, findet man aber auch die gesuchte Einsamkeit und Atmosphäre die einem solchen Ort gebührt.

Die Überlebensstrategie in der Wüste ist einfach: sich entweder vor der Sonne verstecken, oder aber alle Schotten dicht machen hoch giftig sein. Wie in jeder anderen Wüste gibt es auch in der Sahara etliche Pflänzchen, die zwar harmlos und teilweise wunderschön aussehen, deren Inhaltsstoffe es aber mehr als faustdick hinter den Ohren haben. Manchmal reicht es schon aus die Pflanze nur zu berühren und man bekommt ein mittelschweres Problem… Und den nächsten Arzt findet man nicht zwei bis drei Querstraßen weiter. Die dritte Überlebensstrategie entstammt menschlicher Natur und hört auf den Namen “Blau”, bzw. Homme Bleu. Die in indigoblaue Tücher eingehüllten Männer sind DIE Wüstenguides schlechthin, kennen doch viele von ihnen die Wüste wie ihre Westentasche. Warum Indigo? Die Frage ist schnell beantwortet. Indigo schluckt die schädlichen Anteile der UV-Strahlung; ein indigoblaues Tuch ist sozusagen wie eine Flasche Sunblocker zu verstehen. Und wirklich schwitzen tut man unter den ganzen Klamotten nicht, was gut für den eigenen Wasserhaushalt ist.

Richtig magisch wird es normalerweise zu Sonnenauf- und untergang. Das ist manchmal auch in Marokko der Fall. Der kleine Wermutstropfen ist schnell erklärt: Die Sonne verschwindet nicht groß und rot am Horizont, sondern wird vom Staub in der Atmosphäre nach und nach ausgegraut. Die unglaublichen Farben eines Wadi Rum (Jordanien) oder aber Sossusvlei (Namibia) wird man in Marokko nur selten zu Gesicht bekommen, da das langwellige rote Licht es einfach zu selten durch den Staubschleier schafft. Wüstenfans werden angesichts dessen schnell ernüchtert sein. Für den Erstkontakt in Sachen Wüste mag Marokko und die Dünen des Erg Chegaga aber ganz ok sein. Dies erklärt sicherlich auch die nicht kleine Zahl begeisterter Reiseberichte. Meine Fotos entstanden alle an einem einzigen Abend bzw. Morgen. Zum Glück brilliertes es in Sachen Licht. Alle anderen Tage hingegen waren unter ferner liefen…

Den Lesern meiner Artikel möchte ich den bestmöglichen Eindruck der Länder die ich bereiste vermitteln. Dazu gehörigen manchmal auch Negativerlebnisse, bzw. Erfahrungen, die ein Anderer nicht unbedingt auch machen sollte. Wie schon erwähnt, gibt es der Wüstentouren wegen eine touristische Industrie. Ich persönlich verließ mich auf die Empfehlung von Edith Kohlbach und nahm für meinen Ritt durch die Wüste Sahara Services ins Auge. Durch meine Arabischkenntnisse und auch durch direkte Gespräche mit den Anwohnern sind mir folgende Umstände bekannt geworden:

  • Wir leben im Kapitalismus. Seinen Kamelguides pro Tag jedoch weniger als 5 Euro zu zahlen, während man selbst gut und gern 100€ pro Tag abzockt, das ist menschlich einfach nur daneben.
  • Reist man allein, wird man mit einem Aufschlag in Höhe von 50€ bedacht. Vorher, per Email existierte dieser Aufschlag nicht, selbst auf direkte Nachfrage. Dann allerdings doch in Gruppen statt allein unterwegs zu sein beißt sich. Außer auf der Fahrt zum Erg Chegaga und einem kleinerem Kamelritt war ich ständig in einer Gruppe. Gruppen sind voll ok, man lernt neue Menschen kennen. Aber im Falle von Sahara Services bezahlt man dafür und bekommt exakt die gleiche Massenabfertigung, während die anderen Teilnehmer nichts extra berappen müssen.
  • Auf der Fahrt zum Erg Chegaga allerdings erhält dann total widersinnig jeder seinen eigenen Jeep und Fahrer, der dann 2.5 Stunden lang die Wüste zerwühlt und die Luft mit Diesel verpestet, um genau nur einen Tourteilnehmer zum Dünenfeld zu bringen. Hier hätte man wirklich nachhaltig denken können und Touren mit Anderen zusammenlegen können… Die Fahrer müssen ihren Jeep übrigens selbst stellen und bekommen unwesentlich mehr gezahlt als die Kamelguides.
  • Allein reisende Frauen werden gern mal vom Chef persönlich angebaggert. Problem: der gute Abdoul weiß nicht wirklich wo Schluss ist…
  • Die zu Beginn ausgeteilten Wasserflaschen sind pro Kopf und Tag rationiert. Das wird einem allerdings nicht gesagt. Vergisst der Guide die Flaschen einzupacken, oder aber trinken viele andere Menschen mit (man ist ja trotz Einzelreise dann doch in einer Gruppe), steht man am Ende allein da und darf für horrende Preise Wasser nachkaufen.
  • Gleiches gilt für die Wüstentoilette, wo viele Mitteleuropäer gern mal das Spülen vergessen. Haut man aus eigenem Sauberkeitsempfinden erst einmal 2-3 (kleine!) Eimer Wasser durch die Porzellanschüssel, steht auch gleich der Herr mit der offenen Hand neben einem. 100 Dirham, des “exzessiven Wasserverbrauchs” wegen…
  • Generell haben die Kamele nicht wirklich gute Sättel, wobei bereits das Wort “Sattel” für eine über die Höcker gelegte Wolldecke doch ein wenig hoch gegriffen scheint. Selbst bei kurzen Touren ist der Hintern dem scheuernden Kamelrücken hilflos ausgeliefert. Von Verspannungen, bis blauen Flecken und wund gescheuertem Gesäß/Oberschenkeln ist alles möglich.
  • Die Empfehlung von Edith Kohlbach ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass sie die PR für Sahara Services macht und sie dies sicherlich nicht aus rein karitativen Gründen tut.
  • Was den Ort Mhamid angeht, wird Müll anscheinend gern in die Wüste entsorgt. Nahe Mhamid gibt es ein Areal wo sich statt kleiner Büsche alle 10cm eine im Sand vergrabene Plastiktüte wieder ans Tageslicht kämpft. Das lässt, wie beim Thema Einzel-Jeeptransfer, nicht wirklich auf Nachhaltigkeit im Umgang mit den ökologischen Ressourcen schließen.
  • Positiv war wiederum die Hilfe, als es darum ging ein Hotel zu finden. Durch das Osterwochenende in Europa und das lange Wochenende in Marokko (Geburtstag des Propheten), war die Hotelsituation mehr als prekär. Sahara Services half mir unbürokratisch eine Bleibe zu finden.

Sicherlich möchten sich viele Leute in Sicherheit wiegen und buchen daher vorab über das Internet. Da ist Sahara Services richtig gut drin… Ich persönlich muss jedoch sagen, dass ich nicht bei Sahara Services gebucht hätte, wenn mir obigen Hintergrundinformationen bekannt gewesen wären. Sicherlich hätte ich nicht auf die Wüste verzichtet, dann aber auf jeden Fall nach einer anderen Agentur bzw. anderen/lokalen Guides recherchiert. Angesichts der dort ansässigen hohen Zahl von Wüstenführern, hätte diese Recherche a) nicht lange gedauert, wäre b) schnell von Erfolg gekrönt gewesen und c) hätte höchstwahrscheinlich die lokalen Menschen mehr gefördert als Kapitalisten.

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