Countdown in Budapest

Lima ist seine aktuellste Punktlandung, Budapest bereits bekanntes Terrain und Berlin hat ihn schon verdammt lang nicht mehr gesehen. Allein einer dieser Gründe reicht schon völlig, sich sogar an einem Tag wie Silvester auf die Socken zu machen, um mal woanders, sprich im Budapester Studio, kurz vor 12 den Countdown anzustimmen und zusammen die Korken knallen zu lassen, mit einem “Angler, der gelegentlich auflegt” – Nick Warren.

Mit 2008 kann Nick Warren auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurückblicken, und das nicht nur in Sachen fliegenfischen ;-) Während seiner zahllosen Gigs und Touren rund um die Welt, versäumte er es nie, uns immer mit den besten Grooves und Klängen der progressiven Genres einzudecken. Die Fans dankten es ihm und erschienen zahlreich. Viel spannender jedoch sind die Ergebnisse seiner Studioarbeit, denn DJ-mäßig bekam die Global Underground Serie mit Lima eine würdige Fortsetzung und als Produzent trägt die aktuelle Kollaboration mit Langzeitgefährte Jody Wisternoff wieder Früchte und wird uns sehr bald ein neues Way Out West Album bescheren. Die zuletzt veröffentlichte Auskopplung Spaceman bewies bereits eindrucksvoll, dass die Jungs trotz relativ langer Studioabstinenz rein gar nichts verlernt haben was gemeinsame Arbeit an Rhythmen und Melodien anbelangt.

Beim letzten Budapest-Besuch machte mir die Zeit einen Strich durch die Rechnung, als Nightlife-orientierter Mensch hätte ich mir das Studio schon sehr gern angesehen. Denn den kursierenden Bildern und diversen Reaktionen aus der internationalen DJ-Riege zu urteilen, muss die Location auf der Hajógyári Sziget (einer Insel inmitten der Donau) schierer Wahnsinn sein. Die ganze Insel scheint dem hedonistischen Laster gewidmet zu sein, denn zusätzlich zum Studio sind mit dem Dook und dem Coronita noch zwei weitere, nicht minder gute Clubs im Rennen. Im Sommer wirds sogar noch größer, wenn Bed Beach, Dokk Beach, Mokka Cukka und das Dokkolo geöffnet sind.

Am interessanten ist doch immer noch der Schritt über die Türschwelle eines noch unbekannten Clubs. Ein Moment, wo sich die eigene Neugier mit den ersten Grooves anfreundet und man ich der Intimität einer noch fremden Optik hingibt. Der erste Eindruck in Sachen Clubbing sozusagen. Die Personalunion von DJ und Priester hätte diesen Moment im Falle des Studios wohl folgenderweise kommentiert: “Halleluja! Herr, ich danke Dir für diese Kathedrale des Hedonismus. Erleuchte meinen Pfad hin zur Kanzel und lass mich hier predigen.” Kurz zuvor, beim Abendessen kamen Nick und ich ins Gespräch und natürlich tauschten wir uns über die Clubszene aus. Für ihn zählt das Studio zu den besten Clubs weltweit: “Es kommt nicht immer darauf an das beste Soundsystem vorweisen zu können oder aber das abgefahrenste Design zu haben. Maßgeblich sind doch die Leute und deren Stimmung – und da wirst du vom Studio nicht enttäuscht werden.” – Fußballerisch ausgedrückt also die Champions League in Sachen Atmosphäre und Vibe.

Der Club selbst ist in einer großen Halle untergebracht und fasst bis zu 5000 Leute. Vom Hallencharakter bekommt man allerdings nicht sehr viel mit, denn alles ist verkleidet und selbst die Decke mit großflächigen Tüchern abgehangen, was trotz Großraum ein angenehmes intimes Feeling erzeugt. Das Geschehen findet auf zwei Ebenen statt, wobei die Galerie direkt hinter und neben dem DJ-Pult den VIPs gehört. Märchenhaft wird es, wenn zu speziellen Anlässen riesige Schaukeln von der Decke herab gelassen werden und maskierte Tänzer auf ihnen über die Menschenmenge hinweg schweben.

Auf der großen Leinwand im Rücken der DJ-Kanzel lief der obligatorische Countdown, der in der letzten Minute vor Mitternacht sogar auf die Hundertstelsekunde genau der Null entgegen lief. Nach einem Marathon des Anstoßens mit Sekt übernahm Nick wenige Minuten nach 0:00 Uhr die Decks und verwandelte mit Andy Chatterlys “Access The Future” den johlenden Dancefloor prompt in ein wogendes Meer tanzender Leiber, das optisch die ganze Nacht von nicht weniger als 8 Lasern am Wabern gehalten wurde. Als Nick dann mit einem Remix auf Sashas “Xpander” noch einen Klassiker des Progressive Genre aus dem CD-Case holte, gab es kein Halten mehr und der Laden explodierte förmlich. Doch die nächste Granate wartete schon: Sashas genialer Remix auf Ladytrons “Destroy Everything You Touch”. Allerdings ist es kein leichtes Auflegen, wenn der Fotograf sich von allerlei Autogrammwünschen bezirzen lässt und diese auch noch pflichtbewusst weiterleitet :-)

Zum Abendessen wurde die multinationale Truppe um Nick Warren noch um eine norwegische Komponente samt Kautabak erweitert. Nils Noa, der ebenfalls einen Silvester-Gig in Budapest bestritt, gesellte sich nebst bestem Freund zu uns, und lies es sich nicht nehmen auch im Studio vorbei zu schauen. Sein Fahrer schlug zwar verspätet auf, angesichts der super Stimmung im Studio fiel das nicht sonderlich ins Gewicht ;-) Nils nutzte die Gelegenheit und stellte uns im kleinen Kreis sein neues Label Troll vor. Ein sehr geiler Name wie ich finde, und was wir zu hören bekamen wird sicherlich alles andere als unterkühlt sein.

Nach einer gut zweieinhalb stündigen Achterbahnfahrt irgendwo zwischen funky Progressive und hypnotischem Tech House; mit Tracks wie Robert Babiczs Remix auf “Spaceman” oder remixten Klassikern wie “Heaven Scent”, übergab ein frenetisch gefeierter Nick Warren die Zügel an den Budapester Lokalmatador Slam Jr., der, unterstützt durch Live Drums, die Masse ordentlich mit massiven Technobeats durchpflügte. Die härtere Gangart wurde dankend angenommen und schwups wurden die Tresen der Bars von der zugegebenermaßen sehr attraktiven ungarischen Damenwelt zur Tanzfläche umgestaltet. Man hätte ewig weiter tanzen können, aber leider war der Spaß bereits gegen 5 Uhr zu Ende. Im benachbarten Dokk fing zwar gerade die Afterparty an, ein früher Flug setzte weiterem Nightlife aber eine gewisse zeitliche Grenze. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit und so verwandelte sich der Heimweg durch die wunderschönen historischen Straßen Budapests zum romantischen Wintermärchen.

2009 wird ein so genanntes Durchschnittsjahr. Schlechter als 2008, aber wesentlich besser als 2010 ;-) In diesem Sinne Euch allen ein frohes neues Jahr

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