Ostdeutschlands sowjetisches Erbe – Die verlassene Kaserne in Vogelsang

Weniger als eine Autostunde vom Berliner Ring entfernt liegt im Norden der Hauptstadt bei Zehdenick ein kleines Dörfchen in dessen Norden nach dem Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Standort der Sowjetischen Streitkräfte entstand, die mittlerweile verlassene Garnison Vogelsang (Гарнизон Фогельзанг). Zu Spitzenzeiten lebten und arbeiteten in der heutigen Geisterstadt bis zu 15.000 Menschen; Soldaten, deren Angehörige sowie zivile Standortmitarbeiter. Einige von ihnen bedienten Nuklearraketen die auf den Westen gerichtet waren – Kalter Krieg zum Anfassen.

Man nähert sich dem Erbe der Sowjetarmee mit einem ca. 3 Kilometer langen Fußmarsch schnurgeradeaus durch den Vogelsanger Wald. Während man gerahmt vom märkischen Wald und vom ein oder anderen flüchtenden Reh beäugt auf das Kontrollhäuschen zuläuft, passiert man linkerhand bereits die dem Hauptgelände vorgelagerten Gebäude des Raketenregiments. Die Tannen am Kontrollhäuschen scheinen die Aufgabe der Soldaten übernommen zu haben und stehen Spalier während man weiter, allerdings ohne Ausweispapiere zeigen zu müssen voran schreitet.

Dann kann man sich dem Erkunden der Häuser und Barracken ergeben, was allerdings mit großer Vorsicht zu genießen ist da immer noch Munitionsreste im Boden lauern und auch die Bausubstanz stark zum Nachgeben neigt, womit nicht tragfähige Decken gemeint sind und nicht nur die omnipräsente sich abpellende Wandfarbe.

Die Militärstädte Wünsdorf, im Süden Berlins, und Vogelsang stellten die umfangreichst bebauten militärischen Gelände in Ostdeutschland dar und übertrafen mit ihrer Stärke als auch Diversität sicherlich auch den ein oder anderen heimatlichen Standort der Sowjetarmee. Vogelsang war Divisionsstandort der GSSD, der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und Heimat gleich mehrerer Waffengattungen; natürlich mit Mot.-Schützen als auch einer großen Panzertruppe, die vor allem den nördlich der Havel gelegenen Truppenübungsplatz ausgiebig nutzte.

Aus der Masse an Waffengattungen stechen aber das 1702. Fla-Raketenregiment sowie die zum Großverband der sowjetischen Armee gehörende taktische Raketenabteilung hervor. Zwischen 1959 und 1960, und damit vor der Kuba-Krise, waren in Vogelsang und dem weiter nördlich gelegenen Neuthymen (bei Fürstenberg) nachweislich jeweils 6 R-5M Pobeda Nuklearraketen (von der CIA und der NATO Shyster oder SS-3 genannt) stationiert die auf Frankreich, Großbritannien und die dort befindliche US-amerikanische Raketenbasen des NATO-Raketensystems „Thor“ zielten. An Sprengkraft besaß jede einzelne R-5 Rakete mehr als das 20-fache der Hiroshima-Bombe.

Der Komplex bei Vogelsang war ein kompletter Neubau, projektiert und finanziert von der DDR. Dies merkt man vor Ort unter anderem an der Art der verbauten Lichtschalter und Steckdosen, sowie an den für die damaligen Russen unüblichen Bezeichnungen 220V und 380V. Seit dem Abzug der Sowjettruppen in 1994 liegt das Gelände brach. Die nordöstlich zur Havel liegenden Gebiete wurden bereits vollständig abgerissen. Mehr Informationen gibt es auf der Website Heimatgalerie und auch die BBC verirrte sich bereits nach Vogelsang.

Mit einer Stärke von bis zu 15.000 Mann ist der Komplex, der mehr als 270 Gebäude umfasste, durch und durch mit einer Kleinstadt vergleichbar. Und genau wie eine Kleinstadt hatte auch die Garnison in Vogelsang eine eigene Schule, ein Kulturhaus bzw. Theater, diverse Sportstätten und natürlich auch ein Magasin, was für die sowjetischen Soldaten das war, was der Supermarkt heute für uns ist. An einigen Orten künden immer noch Wandbilder von besseren Zeiten. Panzerfahrer preisen die Kraft der Sowjetstreitkräfte und anderenorts grüßen die Schutzbefohlenen der Sowjetarmee – sprich Arbeiter, Bauern, sowie Mütter nebst Kindern – Hand in Hand paradierend vor aufgehender Sonne.

Durch die Masse der noch verbliebenen Gebäude, damals rein militärische genutzte Objekte, weht heute nur noch der Wind. Zum Beispiel durch großen Fenster der Mannschaftshäuser, die man schnell an den langen Schlafsälen und natürlich auch an einem Sanitärbereich erkennt, der wesentlich mehr als 1 Person aufnehmen kann. Dennoch ist nicht alles was man sieht ist, so wie die Kritzeleien heimfahrender Männer, automatisch russischen Ursprungs. Heutzutage mischen sich etliche Graffitis neueren Datums ins Gesamtbild, darunter nur ein Gutes, das Zähne fletschende Gesicht im Innenraum des Theaters.

Auch beim Schlendern auf einer der Hauptverkehrswege trifft man auf einstige Ikonen. So unterbricht zum Beispiel plötzlich ein Betonpfahl den Rhythmus der Baumstämme. Ein Pfahl, an dessen oberem Ende noch der Schatten eines Lenin-Konterfeis auszumachen ist. Durch den Strahler der Wladimir Iljitsch Uljanow, den großen Revolutionsführer, einst anstrahlte, windet sich nun eine junge Kiefer empor. Egal ob Baum, Reh, Buntspecht oder Schimmelpilz, die Natur holt sich sukzessive zurück was ihr damals genommen wurde. Folglich sind auch die im Boden versenkten, noch immer vorhandenen runden Stahlplatten für den Start der Nuklearraketen vor allem bei Schnee schwer zu finden.

Die Serie „Ostdeutschlands sowjetisches Erbe“ mache ich weil ich mich für Geschichte interessiere. Deutschland und Russland sind heute wie damals eng miteinander verwoben, erlebten zusammen sowohl Stern- als auch dunkelste Stunden. Genau hier soll diese Fotoserie einhaken. Nicht als Wertung oder Propaganda, sondern einfach als Dokument und Denkansatz.

Für Liebhaber von bonbonfarbenen HDR-Bildern ist Vogelsang ein Paradies. Auch wenn vielleicht das ein oder andere Fenster überbelichtet ist, so sind unnatürliche Lichtstimmungen, künstlich herbei gezauberte Farben und das typische Fegefeuer der HDR-Eitelkeiten nicht mein Metier, meine Dokumentation verzichtet daher gänzlich auf diese Effekthascherei. Beim Erkunden begleitete mein russischer Freund und Fotograf Victor Boyko.

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