Cuba Calling, eine Münzfernsprecher-Story

Das heutige Kuba hat mit Berlin und Deutschland kurz vor und nach der Wende eine Menge Gemeinsamkeiten. Es wird nicht lange dauern bis sich das Erscheinungsbild von Havanna oder Trinidad grundlegend umgestaltet, denn das Geld reitet ein und bringt massive Veränderungen mit sich. Einer dieser Spiegel der Veränderung werden die zahlreichen Münzfernsprecher sein. Noch sind sie da. Noch werden sie gebraucht. Grund genug sich mit dem Gesehenen anhand einer Fotoserie kritisch auseinander zu setzen.

Bald werden die zahlreichen Münzfernsprecher genauso verschwunden sein wie auch in Berlin. Vielleicht nicht physisch in die Flucht geschlagen, zumindest aber dem Alltag und Lebensgefühl Kubas entwichen, was nicht zuletzt des technischen Fortschritts geschuldet ist, denn bereits heute sind Mobiltelefone keine Seltenheit. An wenigen zentralen Orten ist Wi-Fi und damit Internet verfügbar.

Dort türmen sich die zumeist jungen Menschen und quälen ihre portablen Geräte auf der Suche nach Glück im Cyberspace. Kommunikation und Vernetzung ist gut. Jene radikale Änderung des kubanischen Alltags aber lässt viele alte Kubaner ungläubig-apathisch den Kopf schütteln.

Egal ob Havanna, Trinidad oder Pinar del Rio: Kuba ist voll von vielen archaisch anmutenden Zeitzeugen, deren Aussagekraft den alten Ami-Schlitten aus den 50er/60er-Jahren, für die die Karibikinsel mittlerweile so berühmt ist, übrigens in nichts nachsteht. Zeitzeugen, die so viele Touristen auf die Insel locken, dass sich zeitweise 10% mehr Menschen im Land befinden.

Die Fluggesellschaften indes rüsten auf, bieten mittlerweile mehrere Flüge pro Woche an, allein bereits von Deutschland. Das Geld der Touristen ist wichtig und bringt das Land nach vorn, allerdings verursacht es auch immense Antagonismen, die sich nicht zuletzt im Spannungsfeld der Preise für Einheimische und für Touristen offenbaren.

Frage ich Reih um, warum man ausgerechnet Kuba bereist, dann kommen sicherlich oft Standardantworten wie Strand, Sonne & Co., aber immer auch die Intention Kuba erleben zu wollen bevor das große Geld kommt, bevor der Ami anfängt Kuba arrogant zu manipulieren wie er es auch mit dem Rest der Welt tut. Das Geld wird den sozialen Zusammenhalt Kubas, genauso wie damals Berlin, durch Gentrifizierung und Marktmechanismen erschüttern. So werden z.B. Schulen verschwinden, nur weil das Gebäude zu schön, zu zentral in Havanna Vieja, zu filetstückig im kapitalistischen Sinne gelegen ist.

Telefonate werden genauso öffentlich geführt wie das Leben in den ebenerdigen Wohnzimmern, in die man de facto immer hineinschauen und sich einen Gruß nebst Lächeln abholen kann. Kubaner sind easy, doch mittlerweile sind Fremde nicht immer willkommen Fotos zu schießen und somit stark in die Privatsphäre einzudringen. „Wir sind hier nicht im Zoo!“ giftet jemand eine Touristin an, deren fotografische Selbstüberschätzung sie vergessen lässt, wie man sich Anderen gegenüber verhält. Ein Gefühl, das ich angesichts der Alkohol- und Partytouristenströme Berlin nur allzu gut verstehe. Mal gucken wie Kuba die Probleme meistert die großes Geld mit sich bringt.

PS: Während ich diese Zeilen schreibe, wurde der 7. Parteitag der PCC abgehalten, deren Ergebnisse ein Festhalten an alten Werten darstellen; siehe http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/auf-zur-letzten-runde-genossen/story/29862996

PPS: Alle hier abgebildeten Personen stimmten zuvor eindeutig zu fotografiert zu werden. Sonst wäre ich ja kein Deut besser als zuvor beschriebene „Fotografin“ ;-)

PPPS: Ich habe versucht die Fernsprecher so standardisiert wie nur irgend möglich abzulichten, was allerdings die recht unterschiedlichen Hintergründe und baulichen Gegebenheiten durchkreuzen.

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