Hipster, Historie und Hartz IV – Unterwegs mit der Berliner U8

Die U8 ist nicht nur Berlins zweite Nord-Süd-Verbindung, sie ist in erster Linie eine Reise durch die Historie als auch sozialen Schichten der Stadt, beginnend beim verschworenen Märkischen Viertel mit seinen eigenen Regeln, über das von Zugezogenen annektierte Szene-Mitte mit seinen Trendopfern und parasitären Yankee-Hipstern, bis hin zum urig-mediterranen Kreuzberg-Neukölln, wo Berlins multikulturelle aber auch wieder prekäre Seite zum Vorschein kommt.

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Mit dem Baubeginn in 1912 ist die U8 alt und bereits seit Juli 1927 mit in Rennen, damals ursprünglich von der Boddinstraße bis zur Schönleinstraße. Ein Jahr später wurde sie gen Heinrich-Heine-Straße vorangetrieben und wiederum ein Jahr später erfolgte eine Erweiterung gen Süden um eine Station. 1930, mitten während der Weltwirtschaftskrise, wurde die U8 sogar bis zum Gesundbrunnen ausgebaut während zur gleichen Zeit im Süden eine Verbindung zur Ringbahn geschaffen wurde.

Diese Verbindung zur Ringbahn, dem Bahnhof Hermannstraße, wurde 1929 begonnen allerdings 1931 gestoppt, der allzu heftigen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Vielleicht war dies Schicksal denn jener unfertige Tunnel diente im Zweiten Weltkrieg vielen Berlinern als Luftschutzbunker und damit Lebensretter. Wegen Krieg und Ost-West-Teilung ließ die Fertigstellung dieser kleinen Streckenetappe bis zum Jahr 1996 auf sich warten. Nach dem Krieg stand die U8 aufgrund geringer Schäden als eine der ersten U-Bahnen wieder auf den Beinen.

Dann aber kam die Ost-West-Teilung und die U8 wurde eine Transitstrecke, denn sie verlief auch durch das ehemalige Ost-Berlin. Die Bahnhöfe dort wurden geschlossen, die U8-Eingänge am Alexanderplatz wurden sogar bis zur Unkenntlichkeit vermauert. Von Grenzsoldaten und Transportpolizei bewacht, rollten die West-Berliner also mit der U8 unter dem Ostblock hindurch, vorbei an Geisterbahnhöfen; ein weltweit einzigartiges Schicksal das auch die U6 erfuhr (siehe dazu http://www.berliner-untergrundbahn.de/ou-01.htm).

Mit der Errichtung des Märkischen Viertels in den 1960er Jahren versprach man gleichzeitig einen infrastrukturellen Anschluss, der wegen West-Berliner Boykotts der S-Bahn durch selbige nicht erfolgte. Folglich wurde die U8 über die Jahre sukzessive nördlich erweitert, so dass die Teilstrecken bis zur Osloer (1977), zum Paracelsus-Bad (1987) und schließlich zur nördlichen Endstation Wittenau (1994) in Betrieb gehen konnten. Und genau auf jener Strecke offenbart sich der soziale Unterschied: die Station Franz-Neumann-Platz z.B. betretend, fühlt man sich geruchsmäßig auf einem übervollen Dixi-Klo angekommen; ein olfaktorisches Abenteuer, das man in Mitte nicht so schnell geboten bekommt.

Fährt man die U8 ab, muss man nur genau hinsehen um die wechselhafte Geschichte dieser U-Bahn sehen zu können; ihre Bahnhöfe geben Auskunft. Während die nördlichen Stationen ab Osloer Straße eher modern daher kommen, haben sich die Bahnhöfe in Mitte nahezu erhalten; die DDR-Zeit wirkte so gesehen glücklicherweise konservierend, denn es hätte sich bestimmt irgendein wild gewordener Technokrat gefunden der z.B. die alten Bahnhofsschilder ausgetauscht hätte, die damals absichtlich schwarz mit weißer Schrift entworfen wurden, der besseren Lesbarkeit wegen.

Man kann diese Schilder auch noch heute sehen, von der Bernauer Straße bis hin zum Alexanderplatz und natürlich auch am Rosenthaler Platz sowie der Weinmeisterstraße, dem heutigen Epizentrum des neuen Berlin-Mitte, wo das Heer der Zugezogenen das stundenlange Glotzen auf’s MacBook in Cafés als Arbeit bezeichnet und wo ein saufender Matthias Schweighöfer uns von den Wänden zuprostet, verkündend, dass Krombacher Hell für ihn das Bier der Biere sei. Dieses Kiez, ein Hort der Boutiquen und hochpreisigen Szene-Friseure, mit der U8 erreicht, scheint er uns sagen zu wollen: „Willkommen im neuen, anglisierten und arroganzgeprägten Berlin der Investorengier, Yankee-Großmäuler und Trendopfer.“

Einst gab es um die Kreuzberger U1 und sein Publikum ein großes Mythos. Das schwingt zwar heute auch immer noch mit, allerdings hat sich die Gegend um den Startpunkt der U1, das Schlesische Tor – damals ein Hort von Punkern, Aussteigern und Kreativen – sehr verändert. Auch hier reflektiert die U-Bahn ein Stück Berliner Zeitgeschehen, sprich den Wechsel einer ethnisch wie sozial interessant durchmischten Publikums weg von der U1 hin zur U8 und speziell die Strecke zwischen Gesundbrunnen und Hermannstraße verdeutlicht dies. Heute wohnt der U8 dieses Mythos inne.

Seit September 2014 ist die baulich bedingte Sperrung der südlichen U8-Teilstrecke vom Herrmannplatz zur Ringbahn aufgehoben und die Bahnhöfe Boddinstraße, Leinestraße und Hermannstraße erstrahlen wieder in vollem Glanz. Ich habe extra darauf gewartet um Euch die achte U-Bahnlinie in ihrer vollen Gänze zeigen zu können. Die U8 – für mich die sozial interessanteste U-Bahn Berlins. Sie ist ein Spiegelbild der Berliner Gesellschaft, eine Reflexion des Aufeinandertreffens von prekären Lebensverhältnissen und Gentrifizierung, garniert von touristischer wie zugezogener Vielfalt und damit verbundener Zwänge und Psychosen. Ihre 24 Stationen und 18,1 Kilometer Länge stehen aber auch für eine wie auch immer geartete, die Jahre überlebende Weiterentwicklung.

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